Dekanat Wetterau

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          Evangelische Seelsorge in der Justizvollzugsanstalt Butzbach:

          „Hinter Gittern ist Weihnachten kein Fest der Emotionen“

          Claudia PfannemüllerPfarrer Tobias Müller-Monning (dritter von links) und Pfarrerin Julia Held (rechts) beim evangelischen Gesprächskreis mit Langzeitgefangenen

          Rund um Weihnachten sind sie besonders gefragt, die Seelsorgerinnen und Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Butzbach. Der evangelische Pfarrer Tobias Müller-Monning und seine Kollegin Julia Held kümmern sich um Inhaftierte, die seelsorgerlich betreut werden möchten.

          Die 420 Männer, die hier einsitzen, werden Weihnachten nicht im Kreis der Familie verbringen, sondern weggeschlossen in einer neun Quadratmeter großen Zelle. Vier Wände, eine Toilette, ein Waschbecken, ein Bett, ein Schreibtisch. Die Zelle wird eine Stunde am Tag geöffnet, auch an Weihnachten.

          Während der Alltag im Gefängnis an normalen Tagen durch die Arbeit unterbrochen wird, sind die Feiertage immer besonders lange und einsame Tage. Nur die Gottesdienste versprechen ein wenig Abwechslung. „Wir verteilen an Weihnachten an alle im Haus eine Geschenktüte mit einem Jahreskalender und einer Kerze,“ sagt Pfarrer Müller-Monning. Die Kerze ist für viele ein Lichtblick. Ein Entgegenkommen der Anstaltsleitung, denn Kerzen könnten in einer Haftanstalt auch zum Sicherheitsrisiko werden. Am zweiten Weihnachtstag dürfen die Gefangenen Besuch empfangen. Nicht alle, sondern nur 30 von insgesamt 420 Inhaftierten. Zwei Stunden lang darf jeder Gefangene im Monat Besuch empfangen. Joseph M., der fünf Kinder und drei Enkel hat, freut sich darauf, seine Kinder mal wieder in den Arm nehmen zu können. Es sind diese Begegnungen, die ihm Kraft geben, seine lebenslängliche Haftstrafe zu ertragen. Sein größter Wunsch: „Nach der Haft für meine Kinder da sein zu können.“

          Die Gefängnisseelsorger begleiten Menschen im Gefängnis unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit. Sie bieten Gottesdienste, Gesprächskreise und Seelsorgegespräche an. Pfarrerin Barbara Zöller kümmert sich um die Familien der Inhaftierten. „Natürlich ist es an Weihnachten für die Männer besonders schmerzhaft, eingesperrt zu sein," sagt Tobias Müller-Monning. Trotzdem sei Weihnachten hinter Gittern kein Fest der Emotionen, klärt der Seelsorger auf. Die Haftanstalt wirke versachlichend auf die Männer. Soll heißen: Gefühle werden in der Regel verdrängt, weil die Männer ihren Alltag sonst schlicht nicht ertragen könnten. Schon seit 17 Jahren ist Müller-Monning als evangelischer Seelsorger in der Strafanstalt. Als Pfarrer, Kriminologe und promovierter Sozialwissenschaftler hat er sich mit den Auswirkungen der Haft intensiv beschäftigt. Die Inhaftierten seien in den letzten Jahren internationaler und damit zunehmend multireligiös geworden, berichtet er. Die Gottesdienste würden von Männern unterschiedlicher Religionszugehörigkeit besucht. Ein Schwerpunkt der Gefängnisseelsorge ist die Begleitung Lebenslänglicher. Ein evangelischer Gesprächskreis richtet sich deshalb besonders an diese Gruppe von Gefangenen. „Es ist wichtig, dass die Männer nicht in Antriebslosigkeit und Depressionen verfallen,“ erklärt Müller-Monning. „Sie müssen lernen, den Handlungsspielraum zu nutzen, den das Gefängnis ihnen bietet.“ Der 56-jährige Thomas M. besucht den Gesprächskreis schon sei vielen Jahren. Der zehn Jahre jüngere Markus M. gehört erst seit drei Monaten dazu. Er erzählt von seiner Zeit als Reiseführer für Mountainbike-Touren. In ganz Europa sei er herumgekommen. Nun sitzt er seit sechs Jahren ein. Erst drei Jahre in Untersuchungshaft in Preungesheim, seit drei Jahren im Hochsicherheitsgefängnis in Butzbach. „Die ersten Jahre sind die schwersten,“ berichtet er. Wie viele Jahre die meisten Männer hier noch vor sich haben, wissen sie nicht. Lebenslänglich heißt, dass nach 15 Jahren ein Gericht entscheidet, ob der Rest der Strafe auf Bewährung ausgesetzt werden kann. Aber einen Entlassungstermin gibt es nicht.

          Wenn es Probleme zwischen den Männern gibt, werden die im Gefängnis häufig mit Gewalt gelöst, berichtet der Gefängnisseelsorger. Angst vor ihren Mitgefangenen haben die Lebenslänglichen eher nicht. Schließlich stehen sie in der Gefängnishierarchie ganz oben. Brenzlich wird es aber doch manchmal. „Man wird hier schnell als Verräter denunziert, sagt Markus M.. Neulich habe   ein Mitgefangener zwei Gläser Marmelade in seinem Haftraum verteilt. „Vielen Menschen hier mangelt es an einer gewissen Reife,“ stellt er fest.  Auch Joseph hat sich schon so manches Mal über seine Mitgefangenen geärgert. Mit Gewalt würde der große kräftige Mann aber trotzdem keinen Konflikt mehr lösen: „Das kann mich locker fünf Jahre mehr kosten.“

          Wenn nicht gerade Weihnachten ist, wird der Alltag in der JVA Butzbach durch Arbeit strukturiert. Für die, die nicht krank sind, herrscht Arbeitszwang. Um 6 Uhr morgens ist Wecken und „Lebendkontrolle.“ Arbeitsbeginn ist immer um 6.30 Uhr, um 15.30 Uhr ist Feierabend. Von den 200 Euro, die die Häftlinge verdienen, zahlen sie für zusätzliche Lebensmittel, Telefonkarten oder Leih-Gebühren für das Fernsehgerät.

          Es gibt einen Gefangenen, den Pfarrerin Julia Held fast immer besucht, wenn sie in der JVA Butzbach ist. Über die Hälfte seines Lebens hat der 55-Jährige schon in Gefängnissen verbracht. Immer waren es kleinere Diebstähle zur Finanzierung seiner Drogensucht. In der Haftanstalt erhält er Methadon. Er kommt so gut wie gar nicht mehr aus der Zelle. Arbeiten kann er momentan nicht, aus gesundheitlichen Gründen. „Eigentlich schade, dass ich mein Leben so verschwendet habe,“ sagt er. Sein blasser Hautton verrät, dass er schon lange kein Tageslicht mehr gesehen hat. Am Hofgang nimmt er nicht teil. „Ich fühle mich hier drinnen am sichersten.“ Das Fernsehen ist sein einziges Fenster zur Welt. Dann und wann kommt auch seine Freundin zu Besuch. „Sie muss vier Stunden mit dem Zug fahren, um mich für eine halbe Stunde besuchen zu können,“ sagt er. Sie wohnt in einer Einrichtung für Drogenabhängige, das gemeinsame vierjährige Kind wird von den Großeltern betreut. „Ich möchte nicht, dass der Kleine zu Besuch kommt, er soll das Gefängnis nicht sehen müssen.“ Auf Dauer sei es schwer für die Männer, die Bindungen nach draußen aufrecht zu erhalten, berichtet Held. Da könne sich ein Inhaftierter noch so bemühen, nach 10 bis 15 Jahren brechen viele Kontakte ab,

          Wenn die Männer an Weihnachten einen Wunsch frei hätten? Gesund möchten sie bleiben, äußern sie. „Wenn ich morgens die Augen aufmache, sage ich erstmal danke,“ sagt Thomas. Auch übers Essen jammert er nie. „Schließlich gibt es da draußen Menschen, die hungern müssen.“ Von dem Geld, das er durch seine Arbeit im Gefängnis verdient, spendet er regelmäßig einen gewissen Betrag. Männer wie Joseph und Thomas haben gelernt zu ihrer Tat zu stehen und mit den Konsequenzen zu leben: „Ich bin für meine Lebenssituation selbst verantwortlich,“ sagt Thomas.  Nur Udo wagt, dass auszusprechen, was hier wohl alle denken: „Ich wünsche mir Freiheit,“ sagt er. Ein Wunsch, der für die meisten Teilnehmer des evangelischen Gesprächskreises für viele weitere Jahre unerfüllt bleiben wird.

          Die JVA Butzbach wurde 1894 in Betrieb genommen und ist ein Gefängnis der höchsten Sicherheitsstufe. Hier werden ca. 420 männliche Gefangene aus 60 Nationen betreut, darunter viele psychisch Kranke und Drogenabhängige. Etwa 10 Prozent der Straftäter haben schwere Straftaten begangen. 

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