Dekanat Wetterau

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          Zwischen revolutionärer Bewegung und Sorge um das Seelenheil

          Pfannemüller

          Wöllstadt – Zwei Theologen – zwei verschiedene Perspektiven auf die Reformation. Der oberhessische Propst Matthias Schmidt und Dekan Volkhard Guth predigten am Sonntag gemeinsam in Wöllstadt.

           Die Reformation sei eine der ganz großen Zäsuren in der Geschichte des Christentums gewesen, sagte Dekan Volkhard Guth zu Beginn. Während Guth die gesellschaftspolitischen Auswirkungen der Reformation betonte, behielt Schmidt eher die seelsorgerliche und diakonische Seite der Bewegung im Blick.

          „Die Reformation brachte das Gesamtgefüge der Welt ins Wanken,“ sagte Guth. In Folge der Reformation haben radikalisierte Christen Gottesdienste gestört und Mönche und Nonnen ihre Klöster verlassen. Die Abschaffung des Ablasshandels und der Reliquiensammlungen habe das damalige Finanzsystem in eine Krise gestürzt. Neben Martin Luther hatten radikalere Reformatoren wie Thomas Müntzer einen Angriff auf das gesamte damalige Herrschaftssystem im Sinn. Aber auch Luther selbst sei ein Rebell gewesen, so Guth. Luthers Auftritt vor dem Reichstag in Worms nannte Guth mutig, unbeugsam und revolutionär. Letztlich sei der revolutionäre Impetus der Reformation aber gescheitert. Schon in der nächsten Generation habe es wieder neue hierarchische Strukturen und Abhängigkeiten von Landesherren gegeben.

          Luther habe zunächst gar nicht an eine Reform der Kirche oder gar der Gesellschaft gedacht, gab Matthias Schmidt zu bedenken. Ihm sei es zunächst vordringlich um das Heil der Seele gegangen und um die Entdeckung, von Gott bedingungslos geliebt zu werden. Gleichzeitig sei die Reformation auch eine Diakoniebewegung gewesen. „Armut wurde nicht mehr als individuelles Schicksal verstanden, sondern als gesellschaftliche Aufgabe.“ 

          Durchaus kontrovers wurde der Dialog der beiden Theologen bei der Frage, ob Reformation als Revolution zu verstehen sei. „Revolution ist ein Wort, dass nach Gewalt klingt,“ so Schmidt. Gewalt im Namen Gottes dürfe es niemals geben. Hier irrten nach Schmidts Meinung sowohl Luther als auch Müntzer. Guth hielt dagegen: die Bauern hätten Luthers Freiheitsidee aufgenommen und aus ihr das Recht auf Gerechtigkeit abgeleitet. Gerade Müntzer komme das Verdienst zu, sich für die Niedrigen, Bedrängten und Geschundenen eingesetzt zu haben.

          Gnade im Zeitalter von Shitstorm und Fake News 

          Der Propst und der Dekan blieben nicht bei einer historischen Bewertung der Reformation stehen. Es gehe auch um die Frage, wie sich die Kirche heute reformieren müsse. Schmidt stellte fest, dass die Frage Luthers nach einem gnädigen Gott die Menschen unserer Zeit nicht mehr beschäftigt. Im Zeitalter von Shitstorm und Fake News gehe es den heutigen Menschen eher darum, sich die Frage nach einem gnädigen Mitmenschen und nach einem gnädigen Selbst zu stellen. So wie der Mensch als Individuum könne auch die Kirche als Gemeinschaft von Menschen immer nur unvollkommen sein und bleiben, meinte Schmidt. Auch wenn Kirche als Gemeinschaft die Schwäche des Einzelnen ausgleichen könne, baue Gott seine Kirche mit „manchmal sehr merkwürdigen und zweifelhaften Gestalten.“ Die Kirche müsse hinausgehen und sich um die Menschen in ihren Dörfern und Regionen kümmern, anstatt zu warten, dass die Menschen in ihre Veranstaltungen kommen. „Kirche verändert sich dadurch, dass sie Kirche für andere wird“, so Schmidt.

          „Reformation ist kein Ereignis, sondern eine Haltung,“ sagte Guth. Luther könne die Fragen der Menschen von heute nicht mehr beantworten. Der Protestantismus solle die Welt tapfer gestalten. Die Formen, wie Christsein sich ausdrücke, sei dem stetigen Wandel unterworfen. Kern der Reformation sei „stets offen zu bleiben für das Größere, das wir ausdrücken.“

          Im diesjährigen Reformationsjubiläumsjahr nimmt sich Dekan Volkhard Guth einmal im Monat ein reformatorisches Kernthema vor, um es in der Form einer Dialogpredigt zu entfalten. Die nächste Dialogpredigt mit Bürgermeister Herbert Unger findet am 20.08.2017 um 10 Uhr in Florstadt statt.

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