Dekanat Wetterau

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          Predigt von Dekan Guith zur Synode am 11. März 2017

          Liebe Synodalgemeinde,

          I.

          Hinter mir liegen mehr als die Hälfte intensiver und schöner Gespräche mit einer Fülle an Begegnungen mit Kirchenvorständen, Besuchsdienstkommissionen, Propst, Viitationsbeauftragtem.Und es wird noch weitergehen, auch wenn heute auf der Synodaltagesordnung das Thema als Schlussbericht durch den Propst genannt ist.

          Und: es wird das Dekanat nach Abschluss dieser Vistation ein anderes sein, als vorher.

          Visitation will Gelegenheit zur Reflexion der Arbeit, und qualifizierte Rückmeldung und Impulse geben.

           

          Fast am Ende steht für mich jedoch noch etwas anderes: nicht die Diskussion über die vielfältigen Aspekte des kirchlichen Lebens in unserem Dekanat, sondern die Einladung zur Einkehr - in die gemeinsame Quelle des Glaubens, und die Vergewisserung auf den gemeinsamen Grund der Kirche: Jesus Christus.

          Es geht mir grundlegend um das, was Kirche zur Kirche macht.

           

          II.

          Ich lese nochmals den Predigttext für den Sonntag Septuagesimä.
          Er steht bei Lukas im 17. Kapitel.

          „7 Wer unter euch hat einen Knecht, der pflügt oder das Vieh weidet, und sagt ihm, wenn der vom Feld heimkommt: Komm gleich her und setz dich zu Tisch? 8 Wird er nicht vielmehr zu ihm sagen: Bereite mir das Abendessen, schürze dich und diene mir, bis ich gegessen und getrunken habe; danach sollst du auch essen und trinken? 9 Dankt er etwa dem Knecht, dass er getan hat, was befohlen war? 10 So auch ihr! Wenn ihr alles getan habt, was euch befohlen ist, so sprecht: Wir sind unnütze Knechte; wir haben getan, was wir zu tun schuldig waren.“

           

          Na super, das passt ja …; das ist ja mal so richtig „wertschätzend“.

           

          Anerkennung und Lob sind der Schlüssel für ein gutes Betriebsklima.
          Die Jünger hatten in Jesus jedoch offenbar aber einen Chef, der wenig von Motivationstheorien hielt. Denn genau das sind seine Worte.

          Dabei hatten sie alles aufgegeben, ihre Heimat und ihre Familien verlassen und Jesus als unstete Wanderer durch Galiläa gefolgt, angewiesen auf die Gastfreundschaft von Sympathisanten, ohne jede langfristige Perspektive, ständig dem Spott und der Kritik durch andere ausgesetzt.

          Da wäre doch ein Wort des Dankes und der Anerkennung angemessen gewesen: „Danke, dass ihr an mich glaubt und mir die Treue halte; danke, dass ihr in meinem Namen das Reich Gottes verkündigt, Kranke heilt und Dämonen austreibt.“ 

          Stattdessen der wenig schmeichelhafte Vergleich mit einem Knecht.

          Was macht Jesus da mit dem Gleichnis vom Knecht und seinem Herrn?

          Im Grunde trennt er das Tun seiner Jünger radikal von dem ab, was mit ihrer Person,  ihrem Selbstwertgefühl, ihrem inneren Kern, ihrem Ego, ihrem Lebensgefühl zu tun hat.

          Er widerspricht damit allen Versuchen, sich auf der Grundlage der eigenen Leistungen zu definieren und damit etwas aus sich selbst machen zu wollen. 

          Wir wissen nicht, in welche Situation hinein Jesus sein Gleichnis gesprochen hat. Aber andere Abschnitte in den Evangelien wie die Erzählung vom Rangstreit der Jünger lassen ahnen, dass es auch in der Jesusbewegung immer wieder zu Gerangel darüber gekommen ist, wer der bessere Jünger sei. 

          Die Passionsgeschichte bemüht sich umgekehrt auffällig darum zu zeigen, dass die Jünger bis hin zu Petrus im Rahmen von Verhaftung und Hinrichtung Jesu allesamt ohne Ausnahme versagt haben und es keinen Grund gibt, dass sich irgendjemand auf die eigene Schulter klopft. 

          Die Korintherbriefe vermitteln ein lebendiges Bild vom Leben in einer der ersten Gemeinden Europas und zeigen etwas von den ständigen Versuchen, den eigenen Status durch Hinweis auf besondere Begabungen, besondere religiöse Leistungen oder die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppierungen auf Kosten anderer zu heben.

          Paulus hatte alle Hände voll damit zu tun, dieser Tendenz zum sich selbst Rühmen und sich über andere Erheben etwas entgegenzusetzen.

          Die Versuchung, das eigene Geleistete zu missbrauchen, um sich einen guten Namen zu machen und die Spielchen gegenseitiger Abwertung und Konkurrenz, die daraus entstehen, nach dem Motto „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Land“, sind also so alt wie die Christenheit.

          Und ich denke, eben darauf reagiert Jesus mit seinem Gleichnis. 

          III.

          Uns Christinnen und Christen führt das Gleichnis vom Knecht und seinem Herrn jenseits von Fragen nach kirchlichen Leistungen, Zielen, Prioritäten, Arbeitskonzepten, Rollenbeschreibungen, Leitungsfragen, Ressourcen und Organisationsstrukturen, die uns während der Visitation allesamt beschäftigt haben, auf die Ebene der Lebenshaltungen und dessen, was uns hält. 

          Halt – Haltung – Verhalten, das beschreibt die drei Ebenen unserer Existenz. Das, woran wir Halt finden, bestimmt unsere Haltung. Und unsere Haltung bestimmt unser Verhalten. 

          Wovon sich Jesus mit harschen Worten abgrenzt, sind die Versuche, den umgekehrten Weg zu beschreiten; -

          Halt zu gewinnen aus dem eigenen Verhalten, - von äußeren Strukturen und Ordnungen her den inneren Kern der eigenen Identität zu bestimmen.
          Das gab es in der Visitation.

           Jesus definiert den Menschen dagegen nicht über sein Verhalten, sondern über seine Beziehung zu Gott.

          In Jesus begegnet uns die Gewissheit, dass Gott so nahe ist, dass sein Heil schon an dieser oder jener Stelle durchbricht und sichtbar wird, ähnlich wie im Samenkorn schon der ganze Baum präsent ist; oder modern gesprochen: so wie sich im Luftzug eine herannahende U-Bahn ankündigt. 

          Durch unser Kirchesein soll die Welt den Luftzug des nahenden Gottes, des einbrechenden Gottesreiches spüren.

           Auch wenn die Zahlen sich verändern, auch wenn die Kirche kleiner wird: 

          Es ist schlicht nicht erlaubt, das Christentum einzuschrumpfen auf das bisschen, was wir gerade machen und zu glauben in der Lage sind.

          Es ist schlicht nicht erlaubt, Strukturen oder historisch gewordene Formen der Kirche mit dem Evangelium gleich zu setzen.

          Wenn wir die Erfahrungen der Visitation nutzen wollen, müssen wir nach diesem Jahr verstärkt nach der Grundlage von Kirche fragen: dem Evangelium von Jesus Christus. 

          Denn das Evangelium flüchtet sich nicht in das, was einmal war.
          Und das Evangelium verkrümelt sich auch nicht in einer Spiritualität, die nur danach fragt, was mir und uns gerade gut tut am Ort.

          Das Evangelium hält vielmehr fest an Voraussagen fest, die sich auf nichts reimen, was wir so kennen:

           

          Es proklamiert eine Gerechtigkeit inmitten von kaputten und ungerechten Strukturen.

           

          Es hat so etwas wie einen Überschuss an utopischer Verrücktheit:
          Es lässt Mächtige vom Thron fallen und erhöht die Niedrigen.
          Es erzählt von skurrilen Typen und unbändigen Kräften.
          Es macht den Rand zur Mitte und stellt einen ins Zentrum, der nach irdischen Maßstäben bei Seite geschafft wurde.
          Und als ultimatives Zukunftsbild malt es - auch uns in der Wetterau - keine Landidylle vor Augen, sondern zeigt die erlöste Stadt, das himmlische Jerusalem, am Ende der Bibel.

           Und deswegen gehört das Evangelium hierher, mitten in die Orte und die Regionen, wo sich Randständige und Mittelschichtige, die Etablierten und die Geflüchteten, die Verrückten und die Funktionäre begegnen, wo sie Lebens- und Arbeitsraum miteinander teilen.
           

          Und hier zeigt sich, ob es als Kirche gelingt, etwas von dem durchbrechenden Gottesreich zu leben - oder wenigstens anzusagen und zu zeigen. 

          Ich finde fast am Ende der Visitation: das geschieht im Dekanat. Nicht immer, aber ganz schön oft. – Wir werden davon nachher im Bereicht des Propstes noch hören. 

          Visitation, das ist kein Siegeroptimismus, der die Schrumpfung weglächeln soll. -

          Ich komme deshalb nochmals auf die Trias Halt – Haltung – Verhalten. 

          Jesus hat aus der Gewissheit gelebt, dass Gottes Reich im Kommen ist. Aus ihr heraus hat er gewirkt. Sie prägte seine Lebenshaltung und sein Verhalten bis hin zum Tod am Kreuz.

          Mit seiner Auferstehung ist sie Grundlage des christlichen Glaubens geworden und hat sich über die ganze Welt verbreitet.

           Wer sich selbst von Gott gehalten und geliebt weiß, der erlebt sein Leben als Geschenk; der bildet sich nicht ein, er habe sich sein Leben verdient; den kümmert nicht mehr wirklich, was andere von ihm halten, sondern er versucht schlicht, die Liebe Gottes an andere Menschen weiterzugeben.

           Liebe Synodalgemeinde, alle kirchliche Arbeit – alles tun und auch das Lassen - lebt letzten Endes davon, dass sie aus dieser Gewissheit heraus geschieht, von Gott geliebt zu sein. 

          Nur so erwächst die Freiheit zu tun, was nötig ist, ohne danach zu fragen, ob das jemand sieht oder nicht, ob es Unterstützung und Anerkennung findet oder nicht.

          Glauben wir das?

          Das Evangelium nagelt uns nicht fest auf das, was gerade ist.
          Es macht uns neu.

          Diese vorausgehende Liebe Gottes zu den Menschen ist der Grund für ein ecclesia semper reformanda.

          Und es gibt Momente - da sieht man das den Menschen, denen man begegnet, an.

           Das lässt Kinder verblüffende Sachen sagen.

          Das lässt Zugewanderte heimisch werden.

          Das lässt die Armut verschwinden - und kleidet den, der sich schon lange nicht mehr geduscht hat, mit Würde und Glanz.

          Und das lässt - längst nicht nur bei Alten - die Angst vor Endlichkeit und Abschied schwinden.

          Am Ende der Visitation sollen wir uns Zeit nehmen – für die Einkehr in die gemeinsame Quelle des Glaubens, und eine Vergewisserung von Kirche auf dem gemeinsamen Grund:

          Jesus Christus, - der ist, was war;
          der ist, was ist und was bleibt.
          Der ist, was wird.

          Und das ist´s, was uns aufrichtet und beseelt  – denn das ist seiner Gemeinde versprochen.

          Amen

           

           

           

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