Dekanat Wetterau

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          Ansprache von Pfr. Rohleder zu seiner Einführung

          Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein. (Psalm 92,15)

          Liebe Gemeinde,

          Manchmal wollen Computer uns ja helfen.

          Als ich zu Beginn meiner neuen Tätigkeit nachsehen wollte, ob diese Pfarrstelle auf der Homepage unseres Dekanats schon eingepflegt sei und ich die Suchfunktion startete, zeigte die Suchfunktion den Satz an: Nichts gefunden für Altenseelsorge. Meinten Sie Altenheimseelsorge? Nein, meinte ich nicht.

          Und weil es den Menschen ja nicht anders geht als dem Computer ist der Erklärungsbedarf, wo immer ich hinkomme, groß, um was für eine Pfarrstelle es sich denn eigentlich handele, in die ich ja nun eingeführt bin, berufen, gesandt, gesegnet.

          Nun, ich möchte ein paar Gedanken anreißen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und ich freue mich, wenn wir miteinander in Zukunft über diese und andere Themen ins Gespräch kommen.

          Ich habe eben als persönliches Segenswort zugesprochen bekommen: So spricht der Herr ‚Auch bis in euer Alter bin ich derselbe, und ich will euch tragen, bis ihr grau werdet. Ich habe es getan; ich will heben und tragen und erretten.‘ (Jesaja 46,4)

          Ich dankbar dafür, denn es ein Zuspruch den ich dringend brauche, auch für mein eigenes Altwerden. Dieses Wort wählten viele kirchliche Äußerungen der Vergangenheit, die sich mit dem Thema Älterwerden und Altsein beschäftigten.

          Dennoch: dieses Wort spricht von den Defiziten, die das Alter mit sich bringt, mit sich bringen kann. Wer nicht mehr selbst laufen kann, muss getragen werden, oder heutzutage im Rollstuhl fahren. Wäre das eine angemessene Übersetzung in inkludierter Sprache heute: Auch bis euer Aller bin ich, Gott, derselbe, ich will euch im Rollstuhl fahren, euch mit dem Lifter heben und euch erretten. In jedem Fall spricht das Wort aus dem Propheten Jesaja von Dingen, die Gott tut und die der alternde Mensch vom ihm erfährt. Und wer wollte bezweifeln, dass das gut ist und eine wunderbare Verheißung. Aber das Wort birgt die Gefahr in sich, den altgeworden Menschen als Objekt der Handlungen zu verstehen, die an ihm oder ihr getan werden, getan werden müssen, wer will das  verleugnen. Gehoben werden, getragen werden, gefahren werden, geduscht werden, gefüttert werden. Und Gott sei Dank, gibt es sehr viele, die das engagiert tun: tragen, fahren, duschen, füttern. Trotzdem:

          Es bahnt sich ein Perspektivwechsel an mit dem Wort, das ich als Motto über diesen Gottesdienst habe schreiben lassen: Und wenn sie auch alt werden, werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein. Merken Sie es: Grammatikalisch sind es in diesem Satz die Alten, die im Aktiv stehen: sie blühen, sie sind fruchtbar. Ich möchte dazu zweierlei sagen. Ich verstehe es erstens so, dass der Alte Mensch hier zunächst die Würde zugesprochen bekommt, Subjekt seiner Handlungen zu sein und zu bleiben. Wirklich? Auch der dementiell Erkrankte, Veränderte? Ja, auch wenn das nicht immer einfach sein mag. Sie blühen, sie sind fruchtbar, bringen also etwas hervor, was geerntet werden kann. Lebenserfahrung, Altersweisheit, Früchte, die unsere Gesellschaft braucht. Früchte werden ja auch einmal reif, ich glaube das muss ja auch jeder älter gewordene leisten, und welch ein gewaltiger Prozess ist das: Reif werden zum Sterben, die letzte Frucht, die das Leben hervorbringt.

          Ich sehe aber auch noch ein Zweites in dem Wort. Noch in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts kam man, soziologisch gesehen, nach der Phase ein älterer Arbeitnehmer gewesen zu sein, nach der Verrentung schon sehr bald ins Greisenalter. Sprach man vor wenigen Jahrzehnten nach von vier Lebensaltern, Kindheit, junger Erwachsener, Erwachsener, Greis, sprechen wir heute in der Biografiearbeit eher von 7 Lebensabschnitten, die Jugend, der Ruhestand und die Hochalterigkeit sind dazu gekommen. Dank medizinischer Fortschritte und einer langen Friedensphase in unserer Gesellschaft erfreuen sich viele Menschen im Ruhestand bis in die Hochaltrigkeit hinein ihrer Schaffenskraft, geistigem und spirituellem Interesse, sie blühen und bringen Frucht im wörtlichen Sinne. Sie stehen ganz anders als noch für einem halben Jahrhundert vor der Aufgabe, diese zusätzlich geschenkten Jahrzehnte als geschenkte Zeit anzunehmen und zu gestalten. Deshalb gilt es für uns als Kirche, uns von überlieferten Altersbildern auch zu lösen, Potentiale und Talente wahrzunehmen und die Impulse aufzunehmen, die von den älter werdenden ausgehen.

          Unsere Kirche hat ja in der Vergangenheit viele Phasen mitgemacht: Wir wollten kinderfreundlicher werden: Das war und ist dringend nötig, wir wollten familiengerechter werden, das brauchen wir auch weiterhin. Aber die Phase einer altersgerechten Kirche steht uns gerade ins Haus, damit meine ich nicht nur barrierefreie Zugänge zu Räumen und Veranstaltungen. Ich nenne ein Stichwort, das aus meiner Sicht die verschiedenen Aspekte zusammen fasst, nämlich intergenerationell. Ich glaube, es tut unserer Kirche gut, neben interkulturell, interreligiös, auch intergenerationell zu denken und zu planen. Das Praktikum oder der Tag der Konfis im Altenzentrum, das Erzählcafe der 90 jährigen: „Meine wilden Jahre“, oder oder. Tatsächlich, sagte mir eine 90jährige vor einigen Tagen bei einem Besuch: Ich war ein echter Feger, ich hab es ihr sofort geglaubt!

          Potentiale und Talente im 6. Lebensabschnitt, dem Ruhestand, wahrzunehmen, heißt nach dem ehrenamtlichen oder bürgerschaftlichen Engagement in dieser Lebensphase zu fragen.

          Der Mediziner und Psychiater Prof .Dr. Klaus Dörner, übrigens langjähriges Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages, beginnt sein Buch: „ Leben und Sterben. Wo ich hingehöre.“ mit den Worten des bekannten Beatles Lied: „Will you still need me Will you still feed me When I’m sixty-four (das war 1966). Wirst du mich brauchen, wirst du mich füttern, wenn ich 64 bin. Wenn die Beatles diesen Song heute, also vierzig Jahre später, gesungen hätten, würden sie wohl sicher eighty-four als Alter gewählt haben, also das heutige durchschnittliche Heimaufnahmealter. Diese Erinnerung daran, wie rasant wir in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlich gealtert sind, offenbart zugleich auch schon die Absicht meines Buches; denn die Beatles-Frage ist aktuell geblieben: Wird es für mich, wenn ich alt bin, einen Anderen geben, der mich einerseits braucht und der mich andererseits füttert?“ Dörner schreibt, jeder Mensch braucht das Gefühl Bedeutung für einen anderen eine Bedeutung zu haben. Landläufig sagt, man, jeder Mensch brauche eine Aufgabe. Aber eine Bedeutung im Leben eines anderen zu haben ist noch einmal etwas anderes: Will you still need me…

           

          Dörner beschreibt in seinem Buch einen Dritten Sozialraum als neues Hilfesystem Dieser dritte Sozialraum ist das Feld zwischen dem privaten und öffentlichen Raum, die Nachbarschaft, der Wir Raum, in dem Menschen sich kennen und bereit werden, sich gegenseitig zu helfen. Die Kirchengemeinden sind – öder können es noch mehr werden, ein Wir Raum zu sein. Ein Raum jenseits der ökonomischen Bedingungen und Notwendigkeit etwa eine Pflegesystems, dessen Finanzierbarkeit längst an seine Grenzen stößt.

           

          Kirchen und Gemeinde spielen hier eine wichtige Rolle. Unsere Gemeinden können ein Gemeinschaft und Geborgenheit vermitteln.

          Die EKD Denkschrift: Im Alter neu werden, formuliert das so:

          „Wenn in Gemeinden die Verknüpfung von diakonischer Professionalität – (ich denke hier an die stationären Einrichtungen und an die ambulanten Dienste) - und diakonischen und gemeindlichem Ehrenamt gelingt, verändert sich das Bild der Kirche, auch das , was außen stehende von ihr halten. Dass es zum Wesen der Kirche gehört, nicht vorrangig für den eigenen Bestand da zu sein, sondern als Kirche für und mit anderen die Botschaft des Evangeliums überzeugend zu leben.

          Dies ist die große und tragfähige Vision für Kirche und Diakonie: Eine Kirche, die Gemeinschaft und Solidarität ermöglicht und sich Menschen in ‚caring communities‘ gegenseitig Aufmerksamkeit und Anerkennung Hilfe und Zeit schenken.“

          Besuchsdienste sind ein solcher Teil einer caring Community.  Und ich denke dadurch wir schon deutlich, es geht hier nicht um Ehrenamt, das weniger werdendes Hauptamt ersetzt, sondern um die schlichte und existentielle Frage, wie werden wir als Kirche und Gesellschaft miteinander und in Würde alt, denn diese Frage stellt uns die demografische Entwicklung. Familiäre Unterstützungssysteme brechen einfach weg. Arbeitsplätze von Kindern sind über die Bundesrepublik – und darüber hinaus – verstreut. Ich erlebe Hochbetagte, deren Kinder nicht mehr leben oder bereits selbst  Hilfe bedürftig sind. Nicht umsonst sagt der Sterbende Jesus am Kreuz zu Maria und dem Jünger, den er liebhatte: Siehe das ist deine Mutter, das ist dein Sohn. Er stiftet eine Caring Community jenseits der familiären Bande.

          Als Kirche sind wir nur ein Teil dieses Prozesses. Wir brauchen das Miteinander aller bürgerschaftlich Engagierter. Öffnung der Einrichtungen zu den Kirchengemeinden, Öffnung der Kirchengemeinden in die Gesellschaft hinein und umgekehrt.

          Ein Beispiel: Unter der Überschrift: „Wenn der Manager zum Gärtner wird“ war in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung nachzulesen:

          „Social Days“ haben sich in vielen Unternehmen etabliert. Der freiwillige Einsatz von Mitarbeitern soll nicht nur sanierungsbedürftigen Schulen oder Kindergärten dienen, sondern auch der Personalentwicklung.

          Der freiwillige Einsatz für gemeinnützige Zwecke – in der Managementsprache „Corporate Volunteering“ – ist vielerorts Teil der Unternehmenskultur geworden. Die Betriebe geben ihren Mitarbeitern einen Tag frei, damit sie sich für den guten Zweck engagieren.

          Ich glaube, mit diesen und ähnlichen Ideen lässt sich noch viel in unserer Region entwickeln.

          Ich komme zuletzt auf die Geschichte von Marias Besuch bei Elisabeth und damit auf die Bedeutung der Besuchsdienste. Meistens kennen wir diesen Text aus der Adventszeit.

          Maria macht sich auf, geht ins Gebirge um ihre Verwandte Elisabeth zu besuchen. Im Haus des Zacharias begrüßt sie Elisabeth.

          Als Elisabeth den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leibe. Und Elisabeth wurde vom Heiligen Geist erfüllt und rief laut und sprach: Gepriesen bist du unter den Frauen, und gepriesen ist die Frucht deines Leibes!

          Denn siehe, als ich die Stimme deines Grußes hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leibe. Und selig bist du, die du geglaubt hast!

          Lassen wir mal das, was wir von Advent wissen beiseite und wechseln auf eine andere Ebene des Texte, auf die andere Deutungen verweisen: (Hans-Peter Daub) Hier spricht der Text von dem Lebendigen, was in uns ist und das sich in uns bewegt, wie ein Kind im Bauch der Schwangeren. Indem wir uns begegnen, uns für einander öffnen, uns wahrnehmen und wertschätzen, dann wird in der Begegnung spürbar, was in uns wächst und was noch werden will und was Gott weiter in uns bewegt. Menschen kommen ins Gespräch miteinander über das, was in ihnen rumort und was noch erst an Licht kommen will. Ans Licht kommen will durchs Gespräch, weil sie achtsam füreinander sind und der Geist Gottes auf der Begegnung liegt:

          Im Gespräch entdecken wir im Gegenüber dem Jungen wie dem Alten einen Menschen, der dazu beiträgt, dass Gottes Zukunft wird. Im Gespräch gehen wir schwanger mit Gottes Zukunft der Welt, auch in der Altenseelsorge, weil jedes Gespräch etwas entwickelt, was noch nicht war, das blühen will und Frucht bringen. Amen

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