Dekanat Wetterau

Angebote und Themen

Herzlich Willkommen! Entdecken Sie, welche Angebote des Dekanates Wetterau zu Ihnen passen. Über das Kontaktformular sind wir offen für Ihre Anregungen.

          AngeboteÜbersicht
          Menümobile menu

          Theatergottesdienst in Klein-Karben

          „Heimat ist ein individueller Ort der Sehnsucht“

          WillführSetzten in Szene, wie wichtig eine heimatliche Solidargemeinschaft ist, wenn Hilfe gebraucht wird: Merle Göbel, Lilli Mager, Pia Termersch, Michelle Lieb und Janika Nass (von links).

          Theatergottesdienst zum Thema „Heimat“ zieht zahlreiche Besucher in die St. Michaelis-Kirche in Klein-Karben.

          Der Tisch (vor dem Altar) ist gedeckt, mit Erdbeerkuchen auf einer Platte und Kaffeegeschirr. Bilder zum Plaudern über alte Zeiten liegen bereit. Doch die „Frauen“, die sich über eine besondere Begebenheit aus dem Jahr 1958 in Klein-Karben beim „Kaffeekränzchen“ unterhalten, sind ebenso wie die weiteren Darsteller Jungen und Mädchen im Alter zwischen 13 und 16 Jahren  Allesamt engagieren sich die Teenager in den Theatergruppen von St. Michaelis. In ihrem szenischen Spiel  zum Thema „Heimat - Sticken für den Urlaub“ erinnern sie   an die Geschichte von Arthur, dem Sohn  von Marie (Merle Göbel) und Kurt (Dennis Noll). Der stille Bub war immer ein wenig kränklich, doch als Frau Scheuer, die „Klatschtante“ des Dorfes (Marike Nass) bemerkt, dass er immer blasser wird, redet sie seiner Mutter ins Gewissen: „Der Arthur muss mal in Urlaub.“

          Die Gemeinschaft tritt für einen Einzelnen ein

          „Auf den Feldberg“ (im Taunus), sagt die Marie“, könne man doch nicht noch öfter fahren. „Der Feldberg“, sagt die so schnoddrige wie besorgte „Scheuer“, sei „sowieso nicht hoch genug“. Um die Gesundheit des Buben ist es immer bedrohlicher bestellt. Das Röntgenbild berichtet sein Arzt (Jan Huschems) zeige einen „Schatten auf der Lunge“. Arthur braucht dringend eine Luftveränderung, möglichst mit einem Aufenthalt in den Bergen, über 1800 Meter Höhe, in den Alpen.

          Das kann sich die Familie nicht leisten. Das muss aber sein, finden die Freundinnen von Marie. Sie beschließen für die Städterinnen in Frankfurt zu sticken. Ihre Werke, so hoffen sie, dort im Geschäft von Maries Schwägerin verkaufen zu können. Und sie überreden sehr energisch Arthurs Vater, doch  schwarz zu arbeiten, um seinem Kind zu helfen. Obgleich ihm eine Anzeige der Gewerbeaufsicht droht. Die Frauen können ihre Waren verkaufen. Der Vater überwindet sich, gegen geltendes Gesetz zu verstoßen. Mit ihrem kranken Jungen fahren die Eltern in Urlaub. Der Schatten auf der Lunge des Buben verschwindet.

          Ein Kosmos, der schützend, aber auch einengend sein kann

          Dem „Anspiel“ der jungen Theatergruppe folgt ein „kurzer geistlicher Impuls“. Beide gemeinsam sollen eine Alternative zum „Predigtmonolog“ eines traditionellen Gottesdienstes sein. Die Aufmerksamkeit ist groß, was Pfarrer Werner Giesler denn zu der Geschichte zu sagen hat. Wie auch beim ersten Theatergottesdienst zum Thema „Heimat“ weist der Theologe darauf hin, dass „Heimat ein facettenreicher Begriff ist, immer auch ein eigener Kosmos, der wie ein Korsett stützend, aber auch einengend wirken kann.“ Heimat sei ein Ort der Sehnsucht, „der nicht wirklich fassbar und für jeden Menschen individuell ist“. So kann als Heimat auch eine Gemeinschaft empfunden werden, die ihre eigenen Regeln aufstellt, um sich „gegen die Welt da draußen zu schützen“ und nach diesen urteilt, was Recht und Unrecht ist. So setzt sich im Spiel Kurts Vater über das Verbot der Schwarzarbeit hinweg. Ein Rechtsverständnis, das Pfarrer Werner Giesler, als „fragwürdig“ anmahnte. Denn: „Wenn Beheimatete sich ihr Recht zusammenzimmern, wird Heimat zu einem Ort, in dem schnell Willkürherrschaft herrschen kann.“

          Giesler ist seit 33 Jahren Pfarrer in St. Michaelis. Er ist Leiter der Jugendkreise und Kirchenvorstandsvorsitzender. Er weiß aus vielen Gesprächen, nicht wenige darunter vor oder nach Beerdigungen, um die Erinnerungen, die sich mit Verstorbenen verbinden. Er hat in den Chroniken seiner Vorgänger gelesen, was die Menschen in vergangenen Jahrzehnten bewegte. Oft sei das Gefühl, an einem Ort heimisch zu sein, mit Erfahrungen in der Kindheit verbunden. Erlebnissen beim gemeinsamen Spielen im Freien oder der Geruch von frischem Kuchen aus der Backstube. Als Seelsorger kennt er aber auch die öffentlich meist unausgesprochenen Seiten der „Heimat“: Die Vorurteile, unter denen Menschen mit Behinderung litten, die politisch Andersdenkende ausgrenzten und Homosexuelle dazu brachten, „ihr Schwulsein aus Angst vor Sanktionen zu verbergen“ - auch heute noch.

          Im Theaterspiel helfen die Stickerinnen der Marie, ihrem Kurt und dem kranken Arthur. Also jenen, die aus ihrer Gemeinschaft kommen und die sie kennen. Doch wie ist es darum bestellt, wenn Hilfebedürftige nicht aus dem kleinen Kosmos einer Dorfgemeinschaft kommen? Pfarrer Giesler, seit Jahren in der  Flüchtlingshilfe engagiert, erinnert daran, dass im christlichen Glauben die Maxime gilt  „mehr Gott als den Menschen zu gehorchen“. Auch, dass die Schöpfung Gottes für jeden, ob Mann oder Frau, einen Ort hat, an dem sich diese „als Nachbarn“ fühlen sollten.

          Der Seelsorger wird immer wieder mit der Frage nach der Heimat konfrontiert. Aber was antworten die Jugendlichen auf diese? Für Janika (13) und ihre gleichaltrige Mitstreiterin Michelle ist es neben ihrer Freundschaft und dem  Zusammenwirken in der Theatergruppe, „dass man sich hier im Ort kennt und sich noch grüßt.“

          Infos

          Die Reihe wird am Sonntag, 14. April, 11 Uhr, fortgesetzt. Im Zentrum wird die Frage stehen, wie die Kirchengemeinden aus aus Burggräfenrode, Karben, Klein-Karben, Kloppenheim, Okarben, Petterweil und Rendel, noch enger zusammengebracht werden können. Den Abschluss macht am  Sonntag, 4. Mai (vorverlegt), 11 Uhr, der Theatergottesdienst zum Thema „Gegenwart: Wer soll das bezahlen - wohnen in Karben“. 

          Text: Corinna Willführ

          Diese Seite:Download PDFDrucken

          to top