Dekanat Wetterau

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          Notfallseelsorge

          Interview: „Wir helfen, die ersten Stunden zu durchleiden“

          Dekanat KronbergPfarrerin und Notfallseelsorgerin Christine Zahradnik

          Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau blickt auf 30 Jahre Notfallseelsorge zurück. Die Notfallseelsorge Wetterau hat jüngst ihr 25-jähriges Bestehen gefeiert. Pfarrerin Christine Zahradnik leitet die Gruppe in der Wetterau und spricht im Interview über ihre Erfahrungen.

          Frau Zahradnik, Welche Rolle spielt das Engagement der Seelsorgerinnen und Seelsorger, die den Menschen in akuten Krisen und bei belastenden Ereignissen beistehen, heute im breiten Spektrum des Notfallsystems?

          Dass neben der medizinischen und technischen Hilfe heute auch die seelsorgliche Unterstützung, sozusagen eine Erste Hilfe für die Seele, ihren Platz hat, ist eine Folgerung aus der uralten Erkenntnis: Leib und Seele hängen zusammen. Menschen brauchen in akuten Notsituationen Beistand. In solchen schwierigen Momenten begleiten Pfarrerinnen und Pfarrer Betroffene seit jeher im Rahmen ihres Seelsorgeauftrages. Die Veränderung unserer gesellschaftlichen und kirchlichen Strukturen und die Erfahrungen bei Unglücken haben dazu geführt, dass sich Seelsorge in diesem Bereich neu aufstellen musste. Wir haben ein System von Bereitschaftsdiensten aufgebaut, um verlässlich Seelsorge in akuten Notsituationen leisten zu können. Dafür braucht es Menschen, die die Bereitschaft rund um die Uhr aufrechterhalten.

           

          Wenn Sie und Ihr Team gerufen werden, geht es fast immer um Tod. Die Hauptursachen für die Einsätze sind Verkehrsunfälle, Suizide oder plötzliche Todesfälle. Das ist für Betroffene und Angehörige eine Katastrophe. Wie können Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger in diesem Augenblick der größten Verzweiflung überhaupt helfen?

          Plötzliche Todesfälle – meist im häuslichen Bereich – sind die Hauptanlässe für Alarmierungen der Notfallseelsorge. Wir unterstützen auch die Polizei bei der Überbringung von Todesnachrichten. Für Betroffene und Angehörige ist das meist der bis dahin schlimmste Moment in ihrem Leben. Nichts ist mehr so wie es war. Wir kommen aus unserer relativ heilen Welt und fahren in eine Welt, die zerbrochen ist. Ich bin überzeugt, mit diesem Bewusstsein, mit einer normalen Portion Menschenliebe im Gepäck und ihrer guten Ausbildung bringen Notfallseelsorgerinnen und -seelsorger etwas Wichtiges mit: Zuwendung, Unterstützung und Zeit, ebenso eigene Stabilität, um die Reaktionen Betroffener auszuhalten und stehenzulassen. Ich nenne es auch ein Stück der Liebe Gottes. Im Idealfall helfen wir, diese ersten Stunden zu durchleiden, wieder etwas festeren Boden unter die Füße zu bekommen, die ersten Schritte zu gehen und den Blick für eine Perspektive zu öffnen.

           

          Es heißt, kein Fall sei wie der andere. Wenn die Situationen und Menschen so unterschiedlich sind, stoßen Sie dann auch auf alle Facetten der Trauer? Wie reagieren die Betroffenen?

          Ja, jeder Fall ist anders. Es gibt Ähnlichkeiten, Lebenssituationen, die sich gleichen. So vielfältig jedoch wie die Menschen und die Ereignisse sind, so unterschiedlich sind auch ihre Reaktionen und die Trauer der Menschen. Alles, was man sich an Trauerreaktionen vorstellen kann, erleben wir – und noch viel mehr. Die einen werden laut oder stumm, andere aggressiv, brechen zusammen, weinen, wirken versteinert oder scheinbar völlig ungerührt – alles kann sein. Ich weiß nicht, ob es etwas nicht gibt.

           

          Hören Sie in den Notfällen oft die große Frage, warum musste das geschehen oder mit Blick auf die Kirche und den Glauben, warum hat Gott das zugelassen? Gibt es darauf überhaupt Antworten? Welche Kraft liegt in dem Moment, wenn Sie nur mit Gesten reagieren oder gemeinsam schweigen?

          Nach meinem Gefühl steht diese Frage viel seltener im Fokus, als ich erwarten würde. Vielleicht rückt sie erst etwas später ins Zentrum? Eine Antwort gibt es nach meinem ganz persönlichen Glauben nicht. Je länger ich Pfarrerin bin, desto mehr frage ich mich, was könnte eine Antwort von außen helfen? Wenn Fragen offen bleiben, scheint mir das viel angemessener. Der Schmerz, die Wut, die Verzweiflung – all das brennt so sehr, da setzt eine Antwort einen viel zu voreiligen Punkt und schließt etwas ab, das offen ist, gerade begonnen hat und Zeit braucht. Die größte Kraft liegt meiner Erfahrung nach da, wo Notfallseelsorge dieser Frage, der Klage, der Trauer und ihrem Ausdruck so viel Raum gibt, wie sie braucht. Manchmal hören wir einen anklagenden Wortschwall oder alle schweigen. Das Entscheidende ist, dass Notfallseelsorge den Weg der Betroffenen mitgeht und vorsichtig Impulse gibt. Letztlich wird es nur die eigene Antwort sein, die Betroffenen helfen kann. Was passiert ist, muss im Leben einen Platz finden und eingeordnet werden.

           

          Woher nehmen Sie die Kraft, anderen in diesen höchst emotionalen Momenten zu helfen?

          So wie mir mein Glaube als Gemeindepfarrerin half, wenn ich an Gräbern stand, so hilft es mir als Notfallseelsorgerin. Ob dieser Glaube im Gespräch Thema ist oder nicht, ob ein Gebet gewünscht wird oder nicht – für mich selbst ist das der Boden, auf dem ich stehe, der mir Stabilität bringt und diese möchte ich weitergeben. Wichtig ist auch eine Portion Menschenliebe und dass es mich berührt, wenn Menschen Kummer haben. Diese Empathie gibt mir die Kraft, in Momenten stark zu sein, in denen ein Mensch all seiner Kräfte beraubt wurde.

           

          Achten Sie auch auf sich selbst?

          Ja, Eigenfürsorge ist wichtig. Alle müssen die eigenen Grenzen kennen. Es braucht auch einen gewissen Abstand, eine professionelle Distanz, um unterstützen zu können. Trotzdem gibt es auch bei uns Tränen, allerdings ohne dass wir zu Mit-Leidenden werden. Der Austausch nach Einsätzen mit den Kolleginnen und Kollegen, die Möglichkeit von Nachgesprächen mit mir als Leiterin des Teams, somit die Seelsorge für die Seelsorgerinnen und Seelsorger sowie Supervisionsangebote helfen bei der Be- und Verarbeitung der Erfahrungen aus Einsätzen.

           

          Haben Notfallseelsorgende etwas gemeinsam? Was sind das für Menschen, die sich um andere, für die eine Welt zusammengebrochen ist, kümmern? Was motiviert Sie?

          Bestimmt haben wir alle etwas gemeinsam, obwohl wir so unterschiedlich sind. Wir haben eine kunterbunte Vielfalt, die beispielweise aus Pfarrerinnen, Hörgeräteakustikern, Lehrerinnen, Piloten, Bankkaufleuten, Therapeuten und Handwerkern besteht. Ich glaube, es ist die Menschenliebe. Es ist uns wichtig, dass wir den Menschen beistehen und zwar sofort, mittendrin im „Chaos“, wenn die Wellen über ihnen zusammenschlagen. Gemeinsam sind uns auch die Stärke, die eigene Stabilität, eine unvoreingenommene Haltung sowie ein ausgeglichenes Verhältnis von Empathie und professioneller Distanz. Egal wen wir antreffen, er oder sie ist immer unsere Nächste. Ich spüre die größte Motivation, die es geben kann, wenn ich aus dem Einsatz mit dem Gefühl komme, etwas Sinnvolles getan zu haben.

           

          Wie vermeiden Sie es, das Erlebte nach dem Dienst mit nach Hause zu nehmen? Wie können Sie selbst das alles verarbeiten?

          Wir bieten bei unseren Teamabenden Supervisionen an. Es gibt sehr individuelle Gewohnheiten, um das Erlebte zu verarbeiten. Der eine fährt mit dem Fahrrad, die nächste läuft, andere beten. Ich selbst rede nach einem Einsatz mit den Teamkolleginnen und -kollegen. Und wenn mich etwas sehr beschäftigt, muss sich meine Frau unglaublich viel anhören und das mehrfach.

           

          Früher gab es nur ein kurzes Seminar zur Vorbereitung auf die schwierigen Aufgaben, wie sieht die Ausbildung in der Notfallseelsorge heute aus?

          Aktuell gilt ein Curriculum von mindestens 120 Unterrichtseinheiten. Dem schließt sich eine Hospitation in der Notfallseelsorge an, bei der die Kursabsolventinnen und -absolventen mit erfahrenen Notfallseelsorgerinnen Einsätze fahren und dabei erste eigene Erfahrungen in der Praxis sammeln. In dieser Phase gibt es jeweils Hospitationsschichten bei Rettungsdienst und Polizei, um auch deren Seite eines Einsatzes, die Strukturen und Organisation kennenzulernen. Für die aktiven Notfallseelsorgenden sind außerdem regelmäßige Schulungen vorgesehen.

           

          Wenn Sie sich zum runden Geburtstag der Notfallseelsorge in der EKHN etwas wünschen dürften, was wäre das?

          Ich wünschte mir so etwas wie Selbstverständlichkeit für unseren Dienst. Wo Menschen Unglück widerfährt, haben wir als Kirche – zumindest nach meinem Bild – an ihrer Seite zu sein. Für diese zentrale kirchliche Grundaufgabe wünsche ich mir die nötige Unterstützung, um den Dienst verlässlich zu leisten. Wir bleiben bei den Menschen, auch wenn alle anderen Einsatzkräfte schon wieder zu neuen Aufgaben aufbrechen müssen.

          Text: Zentrum Seelsorge und Beratung

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