Dekanat Wetterau

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          Hessenwahl am 28. Oktober

          „Wir brauchen ein Bündnis der Anständigen“

          PfannemüllerEngagiert gegen Rechtspopulismus: der evangelische Dekan Volkhard Guth

          Der evangelische Dekan Volkhard Guth spricht im Interview über den Umgang der evangelischen Kirche mit dem Thema Rechtspopulismus und macht deutlich, warum Hetze und Rassismus nicht mit dem christlichen Glauben vereinbar sind.

          In der Wetterau gibt es ein breites gesellschaftliches Bündnis gegen Rechtsextremismus, dem auch die evangelische Kirche angehört. Was sagen Sie zum immer deutlicher werdenden Rechtspopulismus? Brauchen wir ein neues Bündnis?

          In der Tat gibt es ja Schnittmengen zwischen beiden Phänomenen, aber Rechtspopulismus ist eher eine politische Strategie als eine geschlossene Ideologie. Es geht um nicht weniger als die Zerstörung bestehender moderner Gesellschaftsstrukturen – überall in Europa. Und das immer unter dem Verweis auf eine Reinigung und Verklarung. Wir sehen das in den inszenierten Tabubrüchen – in politischen Redebeiträgen und Plakatslogans. Diese Strategie lebt von Vereinfachungen und fordert radikale Lösungen. Rechtspopulisten wollen „mehr Härte“ gegen Kriminelle, Drogenabhängige oder auch Wohnungslose. Sie richtet sich immer gegen Minderheiten. Minderheiten, mit denen die Mehrzahl von uns in der Regel kaum bis gar keine eigene Erfahrung macht. Das Motiv ist dabei immer gleich: Populismus schürt Ängste; auch vor „Überflutung“ oder „Überfremdung“ durch Migranten und er vertritt häufig islamfeindliche Positionen. Mit autoritären Vorstellungen vertreten und verbreiten Rechtspopulisten rassistische Vorurteile und verstärken sie. Sie suggerieren einfache Lösung auf komplexe Zusammenhänge. Rechtspopulismus greift unsere Grundwerte wie Menschenwürde, Gleichheit, Minderheitenschutz, Diskriminierungsverbot an.

          In der Kirche gibt es unterschiedliche Haltungen zum Umgang mit fremdenfeindlichen und rassistischen Strömungen in der Politik. Wo würden Sie persönlich eine rote Linie ziehen?

          Schon in Ihrer Frage. Denn hier kann es keine unterschiedlichen Haltungen in unserer Kirche geben. Rechtspopulismus ist weder in seinen Motiven noch mit seinen Inhalten mit der Botschaft des Evangeliums Jesu vereinbar – ebenso wenig wie es der Rechtsextremismus ist. Die Botschaft Jesu geht universal von Liebe, Freiheit und Versöhnung aus. Sie anerkennt die Würde eines jeden Menschen, indem sie in ihm ein geliebtes Geschöpf Gottes sieht – gleich welcher Herkunft oder Kultur oder Sprache.  Grundsätzlich ist die christliche Botschaft eine egalitäre, die eine Ungleichwertigkeit verschiedener Menschengruppen weder vorsieht noch erlaubt. „Vor Gott sind alle gleich“ (Gen 1,27). Eine Kirche, die sich auf das Evangelium bezieht, ist menschenfreundlich – und von daher nicht neutral. Gegen die Leugnung vergangener Schuldgeschichten stellen wir eine lebendige Erinnerungskultur. Wir leben davon, aus Umkehr zu lernen und achten daher heute die Menschenwürde und die Menschenrechte aller Menschen gleich. In der Diskussion über Europa setzen wir auf wir die Botschaft von der Versöhnung und wir halten am interreligiösen Dialog fest - gegen die Zerrbilder von anderen Religionen.  Also ein klares Nein also gegen Hetze, Rassismus, Feindschaft, ein klares Ja zu Gewissensschärfung, ein klares Ja für die Achtsamkeit und die Achtung anderer, ein klares Ja zu Wegen, die unseren gemeinsamen Werten nicht entgegentreten. 

          Viele AfD-Wähler haben Angst vor sozialem Abstieg. Müsste die Kirche die Ängste dieser Menschen nicht ernst nehmen?

          Es ist doch interessant, wie schnell wir ein Motiv finden, das diesen Rechtsruck in der Mitte erklärbar macht: Abstiegsangst. Tatsächlich leben wir doch in einem der reichsten Länder Europas in einer der längsten Friedensphasen unserer Geschichte. Tatsächlich aber befinden wir uns gesellschaftlich aber auch in einer Phase größter Umbrüche und Veränderungen. Das bewirkt Verunsicherung bei Menschen – da nehme ich mich nicht aus. Rechtspopulismus erscheint in Europa und auch bei uns heute als ein Reflex auf die Politik der letzten 30 Jahre. Die Kirchen haben immer gewarnt vor einem Neoliberalismus, der den einzelnen zur „Ich-AG“ ausruft, allein- und selbstverantwortlich für Gelingen oder Misslingen seines Lebensentwurfs. Deregulierungen, Privatisierungen, die mantraartig gesprochenen Unterscheidungen von Pflichtaufgaben und freiwilligen Leistungen, die faktisch die Abschaffung sozialstaatlicher Daseinsvorsorge war und ist, das ist der der Kurs neoliberaler Politik. Wer das Individuum derart auf sich verweist und dabei gleichzeitig die sozialen Sicherungssysteme so fragmentiert, wie wir das erlebt haben, der braucht sich nicht zu wundern, wenn Angst zum vorherrschenden Lebensgefühl wird. Nebenbei: diese neoliberale Politik hat ja auch ganze Gesellschaftsgruppen abgehängt und auf das Existenzminimum verwiesen. Das haben Leute erlebt oder vor Augen. Und das ist der Boden auf dem nun Rechtspopulisten ihre Saat auswerfen. Davor hatten beide Kirchen aber gewarnt. Selbstkritisch müssen wir feststellen: wir waren nicht ausdauernd genug.

          Konservative christlichen Kreise neigen zum Rechtspopulismus, weil sich seine Vertreter häufig als Verteidiger von Christentum und Abendland in Szene setzt. Was sagen Sie dazu?

          Da sind wir als Kirchen und Gemeinden herausgefordert. Klar ist, dass innerhalb unserer Gemeinden (wie auch in der Gesamtbevölkerung) Menschen anzutreffen sind, die rechtspopulistischen Positionen zustimmen. Einzelne solcher Haltungen zur Rollenverteilung von Mann und Frau, zur Familienpolitik, Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebe oder die Überhöhung der eigenen Religion sind auch da zu finden. Das müssen wir ansprechen.  Dabei geht es nicht einfach um Harmonie, sondern darum, christliche Werte konsequent zu vertreten – im Geist der Liebe und Besonnenheit. Die Brückenköpfe bilden katholischerseits meistens antimodernistische, vorkonziliare Kreise und bei den evangelischen die evangelikal-konservativen Gruppen. Solchen Gruppen sei gesagt: Das Ziel rechtspopulistischer Strategen ist die Zerstörung herrschender Strukturen – die Abschaffung des parlamentarischen Staates wie der verfassten Kirchen, wie sie heute in unserem Land existieren. Das „Evangelium“ der Rechtspopulisten ist geschichtslos, entpolitisiert und dezidiert antijüdisch.

          Wie vielfältig und weltoffen sind eigentlich die christlichen Gemeinden selbst?

          Wir sind weiterhin eine „flüchtlingsbereite“ Kirche. Wir wissen um die Probleme der Integration und verharmlosen nicht, aber wir wollen mit den Menschen, die zu uns kommen und dazu bereit sind, Wege finden. Wo Geflüchtete getauft wurden, sind sie Teil unserer Gemeinden. Und ich erlebe in der Wetterau Liturgien, die die Muttersprache dieser neuen Gemeindeglieder berücksichtigen. 

          Die Auseinandersetzung um Beziehungskonstellationen wie ethnische Zugehörigkeit, soziale Stellung und geschlechtliche Identität sind übrigens der christlichen Kirche nicht fremd. Sie waren schon beim Apostel Paulus aufgeladene Konfliktfelder, die immer wieder neu ausgehandelt werden müssen. „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt eins in Christus Jesus.“ (Galater 3,28)

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