Dekanat Wetterau

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          An der Schwelle des Reformationsjubiläums 2017

          Mein nächstjüngerer Bruder, Kirchenvorsteher in den USA, hat vor einiger Zeit gesagt: „Welch eine wunderbare Zeit, sich gerade jetzt in der Kirche Jesu Christi zu engagieren!“. Denn er ahnt – wie viele andere – dass wir auf beiden Seiten des Atlantiks, etwa 500 Jahre nach der Reformation, an der Schwelle eines neuen Aufbruchs in der Kirche stehen.

          Welche Gestalt die Kirche in der Zukunft annehmen wird? Wir bleiben gespannt und wollen – jede und jeder von uns – etwas dazu beitragen.
          „Die Reformation muss weitergehen“, sagte einmal Bischof Werner Krusche, „weil sie damals nicht weit genug gegangen oder jedenfalls nicht weit genug gekommen ist.“ „Im Übri-gen“, fügte er hinzu, „kann man eine Reformation der Kirche nicht machen, sondern man kann sie nur demütig erbitten, sehnsüchtig erwarten, sich gehorsam auf sie einstellen.“

          Das bevorstehende Reformationsjubiläum werden wir voraussichtlich in großer evangelischer Freiheit feiern und gestalten können – anders als je zuvor. Das Reformations-jubiläum 2017 wird das erste Jubiläum sein, das weder der Selbstbehauptung einer bedrohten Konfession dienen muss (1617) noch der Abgrenzung vom Katholizismus (1717), we-der dem national Erwachen (1817) noch dem nationalen Kriegsfatalismus (1917), sondern einer freien Selbstdarstellung der reformatorischen Einsichten im heutigen Kontext (Thies Gundlach).
          Drei Wünsche bringe ich heute mit für unsere Überlegungen und Planungen, unser Tun und Lassen - drei Wünsche, die etwas mit dem Erbe und den Schätzen der Reformation zu tun haben, die bei aller Planung und Vorbereitung Orientierungshilfe geben und Mut machen sollen.


          I.

          Ich wünsche zunächst Gelassenheit bei allen Bestrebungen und Planungen. Die Versuchung ist groß, auch bei uns im Projektbüro, uns in Tun und Aktionismus, also in vermeintlich guten Werken zu verlieren. Die Versuchung ist  groß, eine Fülle von Veranstaltungen auszudenken und gar neue Thesen entwerfen zu wollen . Mit etwas Gelassenheit und einer guten Portion evangelischer Freiheit wird man nicht das größere Ziel verfehlen, die Kirche Jesu Christi zu erneuern, oder besser: die Kirche und uns durch Gottes Geist erneuern zu lassen.
          Man schreibt das Jahr 1521. Von Friedberg nach Frankfurt fahrend zog Martin Luther über die Friedberger Landstraße in Frankfurt ein. Bis spät in den Sonntagabend soll er sich im Gasthaus "Zum Strauß" mit Lautenspiel und einem guten Malvasierwein erfreut haben. Obwohl er am nächsten Tag nach Worms aufbrechen wird, um dort seine "ketzerischen" Glaubenssätze zu verteidigen, dort, wo es um Leben und Tod gehen wird, zeigte sich der Reformator an diesem Abend ganz gelassen und zuversichtlich.


          Es wird berichtet: "In den Herbergen fehlt es nicht an den Freuden der Musica, so dass Luther selbst irgendwo auf einer tönenden Laute spielend aller Augen auf sich richtete." Der tiefe Glaube an Gott verlieh Martin Luther eine Gelassenheit, welche die Welt ihm weder schenken noch wegnehmen konnte. -Wo ist Halt? Was hat Bestand? Ein feste Burg ist unser Gott.

          II.

          Gelassenheit heißt aber nicht Lässigkeit. Der Glaube, der Gelassenheit schenkt, fordert Verantwortung und Engagement. So wünsche ich uns am Vorabend des Jubiläums auch neuen Mut in unserem Engagement unter den Geringsten von ihnen.

          Mitte des 16. Jahrhunderts kam der Reformator Johannes Calvin nach Hessen und setzte sich dort für Flüchtlinge ein. Calvin schrieb sogar Briefe an den Rat der Stadt Frankfurt zugunsten der verfolgten Menschen, die Zuflucht in Hessen suchten – Menschen, die Frankfurt und später Genf zu wichtigen Wirtschaftsstandorten gestalten würden.

          "Reformiert und immer reformierend" – so heißt das Motto der Reformation. Wo erwartet Gott unser Engagement und  unser Zeugnis für Christus? Die Reformation hat das Gewissen des einzelnen Menschen ins Zentrum gestellt. Wie sieht´s aus mit meinen Gebeten und unserem Tun für die Benachteiligten in der Gesellschaft oder für die Entwurzelten, die Flüchtlinge, die versuchen, Boden unter die Füße zu bekommen?

          Das Große an Martin Luther war, dass er das Evangelium sprach zu Königen wie zu Bauern, zu den Mächtigen im Mittelpunkt und zu den Schwachen am Rande der Gesellschaft. Er hat sich nicht nur an die Gleichgesinnten, an die Gebildeten, noch allein an die so genannte Mittelschicht gewandt, sondern an alle, die sich nach Trost und Gerechtigkeit sehnten. Die Lutheraner – zumindest in Wittenberg – hatten Mist an ihren Stiefeln.

          Und heute: Die Ev. Kirche hat vielerorts den Kontakt den einfachen Menschen wie zu weiteren Teilen der Gesellschaft verloren oder zumindest vernachlässigt. Es wäre gut, wenn bei Vertretern der Kirche manchmal auch Erde unter den Fingernägeln und Dung an den Schuhen zu sehen wären.

          III.

          Ich wünsche uns last but not least die Bereitschaft zu scheitern oder auf die Nase zu fallen. Wir feiern nicht die Etablierung einer neuen Kirche, die wir auch 500 Jahre später mit allen Mitteln am Leben erhalten müssten, sondern wir stellen die Wiederentdeckung des Evangeliums ins Zentrum. Dafür kann man, sollte man Einiges aufs Spiel setzen.

          Man vergisst oft, dass, als Martin Luther seine 95 Thesen zur Reform der Kirche schrieb, der Erfolg zunächst bescheiden blieb. Genauer: Zuerst einmal geschah gar nichts, es blieb alles ruhig. Niemand meldete sich, um über diese Thesen zu sprechen; die Veranstaltung war ein Misserfolg. Erst als man sich noch einmal hingesetzt und die mutigen Thesen ins Deutsche übersetzt hatte, brach ein Sturmwind los, der die Welt auf den Kopf stellen sollte. Zum Glück also gaben Luther und seine Mitstreiter nicht so schnell auf. Ihm ging es aber in erster Linie nicht um Erfolg, und erst recht nicht um erfolgreiche Veranstaltungen oder Events, sondern um Reformation und Veränderung und schließlich um die Treue Gott und dem Gewissen gegenüber. Reformieren wollte er vor allem sich selbst, was immer eine gute Ausgangsposition ist.

          In der neuesten Luther-Forschung hat mich die Erkenntnis beeindruckt, dass Luthers Erfolg zum Teil an seiner Beharrlichkeit und seiner Zielstrebigkeit gelegen haben soll. Er hatte sein Auge stets auf das Ziel gerichtet, schaute weder rechts noch nach links. Er ließ sich nicht ablenken von den kleinen Kämpfen, die auch uns manchmal in Versuchung bringen. Er entschied stattdessen, sich in die größeren Kämpfe zu begeben und stets nach dem Ziel – Gottes Ziel – zu schauen. Luther erfreute sich keiner schrankenlosen Freiheit, sondern er genoss die Freiheit durch Christus, die in der Liebe tätig ist.

          Wir sind noch nicht gekommen, dahin wir sollen", stellte Martin Luther einmal fest. "Wir sind aber auf der Bahn und auf dem Wege...Gott ist zufrieden, dass er uns findet in der Arbeit und im Vorsatz."

           

           

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