Hoffnung säen – Reformationsfest in der Stadtkirche Friedberg

veröffentlicht 04.11.2026 von Anna-Luisa Hortien, Evangelisches Dekanat Wetterau

„Siehe, ich mache alles neu“: Unter den Worten der Jahreslosung 2026 feierte die Evangelische Kirche im Dekanat Wetterau am Samstagabend ihr Reformationsfest in der Stadtkirche Friedberg. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stand die Frage, wie Hoffnung dort wachsen kann, wo Vertrautes zu Ende geht und Neues beginnt.

Dass Veränderungen ganz unterschiedliche Gefühle auslösen können, zeigte ein Anspiel zu Beginn des Gottesdienstes. Sophie Gesing (Pfarrerin der Evangelischen Friedensgemeinde Friedberg), Anna-Luisa Hortien und Siegfried Nickel (Öffentlichkeitsreferentin bzw. Pfarrer für Ökumene und Dialog im Dekanat) schlüpften in die Rolle dreier Gottesdienstbesucher und berichteten von ihrem unterschiedlichen Umgang mit einer neuen Kaffeemaschine. Während der eine einfach ausprobieren wollte, was die neue Maschine kann, sorgte sich der andere vor der ungewohnten Technik und trauerte dem alten Gerät nach. Die dritte setzte auf die Gebrauchsanweisung und gegenseitige Unterstützung. Das kleine Alltagsszenario machte deutlich: Veränderungen können verunsichern, doch gemeinsam lässt sich Neues leichter angehen.

Hoffnung ist nicht gleich Optimismus

Daran knüpfte Dekan Volkhard Guth in seiner Predigt an: „Siehe, ich mache alles neu“ sei ein wunderbarer Hoffnungssatz, betonte Guth. Doch Neues komme nicht von selbst und auch nicht ohne Schmerz. Gerade in einer Zeit, in der Einsparungen, Konflikte, Ängste und Zukunftsfragen viele Menschen beschäftigten, sei es wichtig, ehrlich auf die (Ab-)Brüche zu schauen. Angesichts aktueller Krisen und des Gefühls, nicht mehr gehört oder vertreten zu werden, sei die Versuchung zu resignieren groß. Genau dort beginne die Frage nach Hoffnung.

Hoffnung sei dabei nicht mit Optimismus zu verwechseln. „Hoffnung sagt: Auch wenn es schwer wird, ist Gott bei uns.“ Als Beispiel nannte er den Propheten Jesaja, der dem Volk im Exil zusagt: „Siehe, ich mache etwas Neues. Schon wächst es auf, merkt ihr es denn nicht?“ (Jesaja 43,19). Guth lud dazu ein, nicht nur auf das zu schauen, was zerbricht, sondern auch auf das, was bereits wächst. „Hoffnung ist Widerstand gegen die erfahrene, bisweilen aber auch eingeredete Ohnmacht.“

Neu anfangen, ohne alles zu verwerfen

Die Verheißung der Offenbarung bedeute weder, dass „alles platt“ noch „alles gleich“ oder „alles bequem“ werde. Das gelte auch der Kirche. „Die Kirche ist nicht unser Eigentum. Die Kirche gehört Gott“, so Guth. Das befreie von der Angst, mit dem Ende einer vertrauten Form sei auch das Ende der Kirche gekommen. Wesentlich bleibe das Evangelium mit seinen zentralen Werten, ebenso Taufe und Abendmahl, Diakonie und Gemeinschaft. Veränderbar seien dagegen Gebäude, Strukturen, Zuständigkeiten und Gewohnheiten. 

Der Text sei auch politisch bedeutsam. „Wenn Gott sagt: ‚Ich mache alles neu‘, dann dürfen wir nicht sagen: ‚Die Verhältnisse sind halt so.‘“

Auch die Reformationsgeschichte sei geprägt von Brüchen, Konflikten, Schuld und Neuanfängen. Die Reformation mache frei und verantwortlich zugleich, verantwortlich für Menschenwürde, für gesellschaftlichen Zusammenhalt und für ein respektvolles Miteinander einzutreten. 

Gemeinden als Werkstätten der Hoffnung

Für die Region nannte der Dekan drei Anliegen: Räume der Begegnung erhalten und öffnen, junge Menschen ernst nehmen und als Mitgestalterinnen und Mitgestalter beteiligen sowie Hoffnung nicht nur predigen, sondern organisieren. Gemeinden könnten zu „Werkstätten der Hoffnung“ werden.

Hoffnung zeige sich oft im Kleinen, im Konkreten, im Alltäglichen: in einem Gespräch statt eines Vorurteils oder in der Einladung an jemanden, der außen vor ist. „Wir sind eingeladen, die Augen zu öffnen und zu erkennen: Mitten in der Krise sät Gott Hoffnung“, schloss Guth. 

Musik, Begegnung und eine Blumenzwiebel

Die Dekanatskantorei Friedberg und der Posaunenchor Butzbach sorgten unter der Leitung von Kantor Ulrich Seeger für die musikalische Gestaltung. Ein eigens von Seeger komponiertes Stück der Dekanatskantorei unterstrich das Thema des Abends. Bei Wein, alkoholfreien Getränken und Gebäck blieben die Gäste anschließend noch lange in angeregtes Gespräch vertieft zusammen.

Zum Abschluss erhielt jeder Gast eine Blumenzwiebel als Zeichen der Hoffnung. „Setzen Sie sie irgendwo in die Erde und schauen Sie, was im Frühjahr herauskommt“, lud Pfarrer Thomas W. Stephan ein. „Wir alle sind eingeladen, Hoffnung zu säen. Die Hoffnung kann überall aufsprießen, auch da, wo keiner sie vermutet.“