Vom Segen der Zerbrechlichkeit
„Es ist nicht auszudenken, was Gott aus den Bruchstücken unseres Lebens machen kann, wenn wir sie ihm ganz überlassen“. (Blaise Pascal)
Wie zerbrechlich, bruchstückhaft und unsicher das Gefüge dieser Welt ist, haben wir in den letzten Monaten immer wieder mitbekommen in unseren Medien – zwischen Dürre und Überschwemmungen, zwischen Kriegsmeldungen und Flüchtlingsdramen, zwischen steigenden Preisen und düsteren Wirtschaftsprognosen.
Wie in der großen weiten Welt, so ist es auch in unserem eigenen kleinen Alltag: Solange alles in normalen Bahnen verläuft, fühlen wir uns sicher. Doch da braucht nur irgend etwas aus dem Lot zu geraten, und auf einmal ist nichts mehr so wie vorher. Eigenartig, dass uns oft ausgerechnet solche Hiobsbotschaften erst deutlich machen, wie dünn das Eis unserer vermeintlichen Sicherheit ist. Ob in der weiten Welt oder im eigenen Leben: Krisen, das sind Zeiten, in denen wir mit der Tatsache konfrontiert werden, dass wir als Vergängliche nicht das Maß aller Dinge sind. Am liebsten machen wir einen weiten Bogen, wenn es um unsere eigene Verletzlichkeit geht. Keiner von uns wird gerne mit seinen eigenen Grenzen und Schwächen konfrontiert. Wieviel Aufwand betreiben Menschen, um nach außen hin möglichst einen starken Eindruck zu vermitteln.
Und doch gehören Schwachheit, Fehler oder Anfälligkeiten zu uns, wie der Schatten zum Licht. Wieso eigentlich? Weil sie uns daran erinnern, dass wir als vergängliche Menschen auf eine Kraft angewiesen sind, die stärker ist als wir selbst. Wir sind angelegt auf Beziehung zu Gott. Erst in dieser Beziehung erfahren wir, was es wirklich heißt, ganz vollständig zu sein, gehalten und getragen, geliebt und bejaht zu sein in allen Stürmen dieser Welt.
Christen sind benannt nach Christus. Gottes bedingungslose Liebe lässt sich nicht irgendwie einfach so aus den Ereignissen dieser Welt beliebig ablesen. Im Gegenteil – unbegreifliche Schicksalsschläge, Hilflosigkeit, Schuld und Vergänglichkeit versperren uns diesen Blick des Vertrauens. In Christus zeigt Gott uns seine grenzenlose Gnade. Durch ihn erfahren wir, was es wirklich heißt, bedingungslos geliebt und bejaht zu sein. Wer in dieser Vertrauensbeziehung mit Gott lebt, wird nicht frei von Grenzerfahrungen im Leben sein, aber wer sich auf diese Gemeinschaft einlässt, erfährt, dass keine Bruchstückhaftigkeit oder Schwachheit in unserem Leben, keine Schuld, keine Not, kein Fehler und kein noch so schwerer Schicksalsschlag uns von dem tiefen Ja-Wort seiner Liebe mehr trennen kann.
Womöglich hat alle Schwachheit und Zerbrechlichkeit in unserem Leben diesen einen Sinn, dass wir durch sie in Kontakt kommen mit Gottes bedingungsloser Liebe, die unser Leben erst wirklich vollständig macht. In Jesus Christus hat sie einen Namen. Durch ihn erfahren wir, was es heißt, dass Gottes Kraft ausgerechnet in den Schwachen mächtig wird. (vgl. 2. Korinther 12, 9)
Und wenn uns die Hiobsbotschaften in unserer Welt immer wieder neu mit dieser tiefen Wahrheit in Kontakt bringt, dann würde tatsächlich endlich mal Hiobs Botschaft zwischen allen Hiobs-Botschaften hindurch leuchten: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ (Hiob 19 ,25)
Bleiben Sie bewahrt in der Perspektive dieser so ungewöhnlichen und einzigartigen Botschaft.
Pfarrer Timo Garthe
Seelsorger an der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim
Mitglied im Arbeitskreis am Geistlichen Zentrum