Geistlicher Impuls zu Ostern
Liebe Freundinnen und Freunde des Geistlichen Zentrums,
wissen Sie, was der älteste Ostergruß der Christenheit ist? Er enthält keine Glaubensformel. Er beinhaltet keine komplizierte Erklärung. Er ist ganz einfach. Wenn wir der außergewöhnlichen Ostererzählung in Johannes 20,11–18 folgen, dann besteht der älteste Ostergruß in der Nennung eines einzigen Namens: Maria. Der älteste Ostergruß umfasst die einfache persönliche Anrede Gottes an einen Menschen. Es lohnt sich, diese acht Verse einmal in Ruhe zu lesen, Wort für Wort zu verkosten und sich die Szene lebendig vor Augen zu malen, die hier geschildert wird.
Unter Tränen ist Maria Magdalena früh am Morgen an das Grab gekommen. Sie sucht Jesus und findet ihn nicht. Nach wem sucht sie eigentlich? Nach wem suche ich, wenn ich die Nähe Gottes in meinem Leben suche? Was sind meine Bilder und Vorstellungen, die ich von Gott in mir trage? Was ist mein Suchbild?
Das Suchbild Marias ist der Leichnam Jesu. So beugt sie sich in die Grabkammer hinein und sieht zwei Engel. Diese beiden Engel stehen am Kopf- und am Fußende des Grabes. Sie umfassen gleichsam den ganzen Jesus, so wie Maria ihn kannte. Bei diesem Blick in die Grabkammer ist sie ganz bei ihren Erinnerungen, ihren Vorstellungen, ihrem Schmerz, ihrer Trauer. Ihre Trauer, ein Zeichen der Liebe, drückt aus, was ihr Jesus bedeutet hat und bedeutet – aber darin ist sie gleichzeitig begrenzt, gefangen, festgehalten, ja eingeschlossen wie in einer Grabkammer. Es braucht, wie es heißt, ein „Umwenden“.
Maria wird sich insgesamt drei Mal „umwenden“ (V. 11, 14, 16), bis sie zur vollen Osterfreude gelangt. Sie wendet sich ab vom Grab, von dem, was sie gefangen hält, und öffnet sich für die Wirklichkeit, die ihr jetzt begegnet. Und da ist Jesus bereits bei ihr, aber sie erkennt ihn noch nicht. Gott ist uns begleitende Gegenwart, der „Ich-bin-da“, auch wenn wir Gott wie verborgen erfahren.
Wenn Maria in Jesus zunächst den Gärtner erkennt, dann finde ich das sehr bezeichnend. Der Gärtner hat die Aufgabe, für gute Wachstumsbedingungen im Garten zu sorgen. Genau das tut Jesus im übertragenen, geistlichen Sinn. Er spricht Maria auf das hin an, was er an ihr wahrnimmt. Er fragt nach ihren Tränen. Nach ihrer Trauer. Und Maria kann erzählen. Vergessen wir das bitte nicht: Das Erste, was den auferstandenen Jesus interessiert, sind unsere Tränen. Ostern beginnt, wo ich unter Tränen erzähle, was mich wirklich umtreibt, was bei mir wirklich los ist. Leid, Unsicherheit, meine offenen Fragen angesichts der gegenwärtigen Zeitläufe. All das hat hier seinen Platz. In der geistlichen Begleitung des Auferstandenen werden keine frommen Sprüche aufgesagt, da darf ich mich zeigen, wie ich wirklich bin.
Und dann geschieht es, dass Maria hört, wie Jesus sie mit ihrem Namen anspricht. Maria! In diesem Augenblick erkennt sie, dass der, der mit ihr spricht, in ihr lebt. Und sie erkennt, wer sie selbst ist. Die persönliche Anrede Gottes begründet eine neue Wirklichkeit, eine göttlichen Wirklichkeit im Menschen, die nicht einmal durch den Tod zerstört werden kann.
Die dritte Umwendung, die Maria erlebt, ist die Umkehr hin zu den Menschen. „Ich habe den Herrn gesehen!“, berichtet sie später den anderen Jüngern. Und wird so zur Apostelin der Apostel. Sie wird in die aufgehende Ostersonne als eine Gesegnete gehen, denn der auferstandene Jesus geht mir ihr und lebt in ihr.
Der älteste Ostergruß wird also gar nicht von einem Menschen gesprochen. Wenn ich still genug geworden bin zu hören, wie Gott mich mit meinem Namen anspricht, mich persönlich meint – wird Ostern.
Maria! [Setzen Sie Ihren Namen ein.]
Zusammen mit allen Mitarbeitenden und Mitwirkenden am Geistlichen Zentrum Nieder-Weisel wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Mitgehen mit Jesus und ein frohes Osterfest!
Ihr Johannes Misterek
Pfarrer am Geistlichen Zentrum Nieder-Weisel