Früher, als Kinder, wenn mein Bruder und ich uns stritten und dabei gelegentlich unfaire Mittel eingesetzt wurden, haben wir von unserem Vater manches Mal den Satz gehört: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Klingt altmodisch? Vielleicht ein bisschen. Doch dahinter verbirgt sich eine zeitlose Lebensweisheit, die helfen kann - besonders dann, wenn die Luft dick ist und ein Streit tiefe Gräben hinterlässt.
Wie kommt man da wieder heraus? Ein Kompass kann die positive Formulierung des Sprichworts sein, die Jesus in der Bergpredigt hinterlassen hat: „Was ihr wollt, das euch die Leute tun, das tut ihr ihnen auch.“ Es ist die Aufforderung, selbst aktiv zu werden, statt nur Fehler zu vermeiden. Und mit der Aufforderung, unsere Feinde zu lieben, ist Jesus sogar noch einen Schritt weiter gegangen. Dabei hatte er, denke ich, nicht im Sinn, Streitpunkte unter den Teppich zu kehren, sondern Raum zu schaffen für einen anderen Blick auf das Gegenüber.
Respekt, Empathie und Verständnis zu haben - das ist in bestimmten Situationen unendlich schwer. Es kostet Kraft, bei einem handfesten Streit einen Schritt zurückzutreten, die eigenen Gefühle zu sortieren und dem anderen wirklich zuzuhören. Und (noch schwieriger!) zu versuchen, ihn zu verstehen – besonders dann, wenn man dessen Meinung überhaupt nicht teilt. Doch das ist – ebenso wie die Bereitschaft, den eigenen Standpunkt zu überprüfen und eventuell sogar zu revidieren - unerlässlich, wenn es darum geht, Gräben zu überwinden.
In verhärteten Fronten hilft kein starres „Entweder-oder“, das nur Gewinner und Verlierer kennt. Für mich sind weder das alte Sprichwort noch die Aufforderung Jesu überholt, sondern ein wichtiges Korrektiv für unser Handeln und ein Wegweiser für ein gutes Miteinander, das dort beginnt, wo wir dem Gegenüber eine Brücke bauen.