Liebe Leserinnen, liebe Leser,
in diesen Wochen, wenn die Tage kürzer werden und die Ernte eingeholt worden ist, feiern wir das Fest Erntedank. Wir sagen Danke für die reiche Ernte. Doch kann uns dieses Fest noch etwas anderes vor Augen halten: die innere Haltung zu wechseln - weg von dem, was uns fehlt, hin zu dem, was wir bereits bekommen haben.
Im Neuen Testament findet sich dazu eine erstaunliche Geschichte. Es geht um zehn Männer, die aufgrund ihrer Erkrankung isoliert und ausgestoßen von der Gemeinschaft leben müssen. Sie begegnen Jesus und bitten ihn um seine Hilfe. Und er heilt sie alle. Sie alle bekommen ihr Leben in der Gemeinschaft zurück. Doch interessant ist, was danach passiert. Denn nur einer der zehn Männer dreht auf seinem Weg wieder um, läuft zu Jesus zurück und bedankt sich bei ihm für dieses wunderbare Geschenk (vgl. Lukas Kapitel 17, Vers 11-19).
Den neun anderen eine böse Absicht dabei zu unterstellen, geht wohl einen Schritt zu weit. Vielleicht waren sie einfach zu sehr von diesem neuen Glück überwältigt, jedoch war es schnell selbstverständlich. Sie gingen, ohne zu zögern zurück in ihr altes Leben und übersprangen dabei den Moment des Innehaltens.
Genau das passiert uns aber auch schnell in unserem Alltag, wenn uns viele andere Dinge beschäftigen. Wir nehmen unsere Gesundheit, den vollen Kühlschrank und den gedeckten Tisch als gegeben hin. Erst wenn etwas wegbricht, merken wir, was wir bereits hatten.
Das Erntedankfest erinnert uns unabhängig vom Glauben daran, einmal kurz stehenzubleiben und so wie der Geheilte umzudrehen und den Blick auf das zu richten, was wir geschenkt bekommen haben. Dankbarkeit ist dabei wie eine Brille, die uns anders auf den Alltag schauen lässt. Sie macht uns nicht blind für die Probleme der Welt, aber sie gibt uns Kraft, sie mit einer anderen Sicht wahrzunehmen.
Schauen Sie an diesem Wochenende doch einmal bewusst auf Ihre eigene „Ernte“. Welche Menschen, welche Momente oder kleinen Glücksfälle im vergangenen Jahr dazugehören.