Sonntagswort: Fokuswechsel

veröffentlicht 10.05.2026, Evangelisches Dekanat Wetterau

Palliativpfarrerin Gabriele Dix schreibt einen Impuls über einen Blickwechsel und dessen Folgen.

Knapp anderthalb Stunden haben wir schon telefoniert. Da sagt mir die junge Frau am anderen Ende der Leitung: „Jetzt habe ich einen ganz anderen Fokus als zu Beginn unseres Gesprächs.“ Sie hatte zwei sehr düstere Tage hinter sich. Die Krankheit hatte sie überrollt, sie wusste nicht mehr weiter. 

Heilung hatte ich nicht parat, auch eher keinen Trost, Ratschläge schon gar nicht. Ich habe ihr meine Haltung angeboten. Ja, auch Krankheit hat etwas mit Haltung zu tun. Ich kann sagen und denken: „Ich bin voller Krebs.“ Oder ich ändere meine Blickrichtung und sage: „Ich habe auch Krebs, aber zuallererst bin ich eine Person mit vielen Stärken, mit lieben Menschen um mich herum, mit meinen Fähigkeiten und meinem Beruf, mit einem reichen Lebensgeschenk.“ Und die Krankheit ist da eben auch noch. Ich lasse mich von meinem Leid nicht komplett einnehmen, sondern betrachte es als eine Facette meines Lebens, wenn auch eine unangenehme. 

Wir können selbst entscheiden, worauf wir den Fokus in unserem Leben richten. Von Ärzten wird öfter empfohlen, ein Krankheits- oder Symptomtagebuch zu führen. Das richtet unsere Aufmerksamkeit auf das Leiden. Besser ist es, die guten Stunden und Tage aufzuschreiben und das, was zum Wohlfühlen beigetragen hat. So richtet sich der Fokus auf das Wohltuende. Das bringt uns keine Heilung, aber ein Stück Heil in unsere Seele. 

Wir befinden uns im Kirchenjahreskreis noch immer in der Osterzeit. Auch Ostern bringt einen Wechsel der Blickrichtung mit sich. Wir schauen vom Tod ins Leben, immer wieder neu. Das richtet uns auf und bringt Heil in unsere Seele. So einen Fokuswechsel wünsche ich auch Ihnen immer einmal wieder - und das nicht nur an Ostern.