Nach einem festlichen Adventsgottesdienst mit Chorgesang und Kerzenschein in der Mainzer Seminarkirche gab es noch den gemütlichen Abschluss mit Glühwein und Gebäck. Einer unserer Theologieprofessoren kam auf mich zu, um seine Begeisterung mit mir zu teilen. „Ach, war das schön, noch viel schöner als die Osternacht!“ Zunächst war ich etwas perplex. Dann machte ich ihn darauf aufmerksam, dass der Vergleich vielleicht etwas unangemessen sei. Schließlich ist Ostern ja das höchste Fest der Christenheit. Er wand sich erst ein wenig hin und her, um schließlich zu antworten: „Sicher haben Sie recht….wenn aber doch nur der Karfreitag nicht wäre!“
Hatte mich seine erste Aussage überrascht, so machte mich diese Antwort erst recht nachdenklich. Ostern haftet nichts von der Gemütlichkeit des Advents oder von Weihnachten an. Ostern ist ohne das Dunkel des Karfreitags nicht zu haben.
„Wenn doch nur dieser Karfreitag nicht wäre…!“ Das kann auch der Gedanke sein, der mir selbst immer wieder durch den Kopf geht, wenn sich in meinem Leben dunkle und leidvolle Erfahrungen und Situationen einstellen. Ein Menschenleben, das gänzlich frei bliebe von Angst, Leid, Verlust und vielleicht sogar Gottesferne: So ein Leben ist kaum vorstellbar. Irgendwann kommt in jedem Menschenleben der Moment, in dem sich - so wie im Leben Jesu - die Dunkelheit über alles herabsenkt. Das Leben ist selten nur Gemütlichkeit und Feierlaune, das Leben kennt über weite Strecken auch das genaue Gegenteil: die Erfahrungen des Ausgeliefertseins, der Einsamkeit und der Begrenztheit. So sehr wir uns auch bemühen: Diesen Karfreitagen unseres Lebens können wir nicht entgehen. Schnell fühlen wir uns als Gefangene unserer Ängste und Probleme. Und gerade hier kann im Blick auf den Karfreitag vor zweitausend Jahren der Keim des Vertrauens liegen, dass in all dem Dunkel, das ich gerade zu bewältigen habe, bereits der zaghafte Schein der Hoffnung leuchtet. Es ist jene Hoffnung, die sich daran festmacht, dass Gott, der selbst in seiner Todesangst gefangen war, auch mich aus dem Gefängnis meiner Angst befreien wird. Ostern ist ohne den Karfreitag nicht zu haben aber in jedem Karfreitagsdunkel meines Lebens gilt bereits die Zusage Gottes, dass er uns nicht für das Dunkel geschaffen hat, sondern für das Licht des Ostermorgens.