Die Wetterau und das Krankenhaus sind Pfarrer Timo Garthe beide nicht fremd: Vor dem Theologie-Studium absolvierte der Seelsorger eine Ausbildung zum Krankenpflege-Helfer - in der William Harvey Klinik in Bad Nauheim. Darüber hinaus war sein Vater viele Jahre Pfarrer in Dortelweil. Die Zeit im Krankenhaus habe er nie bereut, sagt Garthe. Die Erfahrungen helfen ihm in seiner heutigen Arbeit.
Die Kerckhoff-Klinik ist ein Schwerpunktzentrum für Herz-, Lungen-, Gefäß- und Rheumaerkrankungen. Neben Notfällen und geplanten Eingriffen bekommen dort auch Reha-Patienten eine Behandlung. Als Klinikseelsorger ist Timo Garthe für die Patienten und auch für die rund 1400 Pflegekräfte, Ärzte und weiteren Beschäftigten jederzeit ansprechbar.
Pfarrer Timo Garthe: "Hören kommt vor Reden"
Im 3. Stock befindet sich der „Raum der Stille“. Die Kapelle ist ein Kontrast zum Rest der Klinik. Dort werden manchmal Andachten gefeiert und auch mal Gespräche geführt. Der Großteil der seelsorgerlichen Arbeit findet jedoch im Zimmer der Patienten statt. „Ich versuche im Gespräch zu erspüren und zu entdecken, was mein Gegenüber braucht“, sagt Pfarrer Timo Garthe. Als Pfarrer habe er eine andere Rolle als die Pflegekräfte oder Psychologen. Er sei auch in seiner Zeiteinteilung freier. „Und ich spüre in vielen Situationen, dass es Menschen wichtig ist, dass ich Pfarrer bin. Es macht Gespräche dreidimensionaler.“
Sein Credo für die seelsorgerliche Arbeit ist ein Wort des Propheten Jesaja (Kap. 50,4): „Hören kommt vor Reden. Seelsorge heißt nicht, Rat-Schläge zu erteilen, sondern mit offenen Ohren zu hören, wie die Jünger zuhören“, sagt Timo Garthe.
Pfarrer Timo Garthe: Aufgewachsen in Indonesien
Im Krankenhaus müsse immer alles funktionieren. Es herrsche großer Druck beim Personal wie bei Patienten. Nicht selten sei das eigene Leben bedroht. „Doch der Mensch ist mehr als nur ein Körper, der ‚kaputt‘ ist und irgendwie ‚repariert werden‘ muss“, sagt Pfarrer Garthe. „Selbst, wenn ‚mechanisch‘ wieder alles funktionsfähig wäre, heißt es nicht, dass ich automatisch gesund bin. Gesundheit und Krankheit bedeuten so viel mehr.“ Er betrachte den Menschen ganzheitlich. Oft helfe es den Menschen zu spüren, dass sie nicht alleine sind. „Gott hört das Weinen der Seele“, betont er.
Aufgewachsen ist Timo Garthe in Indonesien. Sein Vater war dort als theologischer Lehrer tätig, die Mutter als Krankenschwester. Später hat Timo Garthe selbst mit seiner Familie eine Zeit in Asien gelebt. Unter anderem war er als Auslandspfarrer der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Indonesien und auf den Philippinen. Außerdem hat er 6 Jahre als Pfarrer in der Schweiz verbracht. Zuletzt war er Gemeindepfarrer in Buchenau, einer Gemeinde im Landkreis Marburg-Biedenkopf.
Pfarrer Timo Garthe: Gottes roten Faden entdecken
Diese Zeiten in unterschiedlichen Kontexten haben ihn stark geprägt. Gleichzeitig bilden sie große Kontraste: „In Asien habe ich erlebt, wie zufrieden Menschen sein können, selbst wenn sie nur sehr wenig haben. Die Schweiz wiederrum ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt.“ Die Lebensgeschichten der Menschen faszinieren ihn, ebenso „gemeinsam zu entdecken, wie Gott den roten Faden seiner Gegenwart durch den Flickenteppich unserer Lebensgeschichte webt.“
Die Geschichte der "geheilten Steine"
Auf einem kleinen Tisch im Büro von Timo Garthe hinter dem Raum der Stille liegen ein paar Steine. Das dunkle Grau ist von weißen Linien durchzogen. Die Steine hat er vom Wandern in der Schweiz mitgebracht. „Man nennt sie auch ‚geheilte Steine‘“, erklärt der Pfarrer. Die weißen Linien waren Lücken und Risse in zerbrochenen Felsen, in die über viele Jahre Mineralien eingeflossen sind und sie geschlossen haben. „Was kaputt war, bleibt sichtbar – macht den Stein aber einzigartig und wunderschön.“ So sei es auch mit Wunden und Verletzungen im eigenen Leben: „Sie können von der Liebe Gottes aufgefüllt werden. So kann heilen, was zerbrochen war. Etwas Neues entsteht.“