Berufsschule, medizinische Fachangestellte im 2. Lehrjahr. Die Klasse ist vielfältig. Katholische und evangelische Schülerinnen, eine Hindu aus Sri Lanka, Muslime mit Wurzeln von Afghanistan bis zum Balkan, Schülerinnen mit diffuser Religiosität und Religionslose.
Thema der Stunde ist das Kopftuch. Die nicht muslimen Schülerinnen sind gelassen: „Kein Problem. Jede soll das so machen wie sie es möchte.“ Zwischen den muslimen Schülerinnen jedoch entspinnt sich eine erregte Diskussion. Eine nicht, oder noch nicht, Kopftuch tragende Schülerin kritisiert Kopftuchträgerinnen, die sich nicht dem Kopftuch gemäß verhalten, die sich also schlecht benehmen, über andere schlecht sprechen und anderes. Geht es beim Kopftuch um Reinheit? Eine junge Frau, als 11-jähige aus Afghanistan gekommen, sagt: „Auf die Hijab (das Kopftuch) kommt es nicht an. Es gibt eine äußere Hijabi (Kopftuchträgerin) und eine innere Hijabi. Wichtig ist nur, dass ich innere Hijabi bin.“
Innere Hijabi? – Wie schön! Klingt das nicht nach den Propheten und Jesus oder auch nach Paulus? Wie ein roter Faden zieht sich die Kritik an religiösen Äußerlichkeiten durch das Alte und Neue Testament. Gerade damit erregt Jesus Anstoß bei Religionsvertretern seiner Zeit: Ährenraufen (Arbeiten) oder Heilen am Sabbat. Der betet richtig, der zuhause betet und nicht demonstrativ in der Synagoge. Und mit der Geißel treibt Jesus alles Äußerliche aus dem Tempel, was die Begegnung mit Gott stört.
Sehr protestantisch, finde ich: Nicht die äußeren Formen zählen, sondern meine innere Einstellung. Nicht: Welche religiösen Riten und Gebräuche halte ich ein? Sondern: Wie verhalte ich mich Gott und meinen Mitmenschen gegenüber? In diesem Sinne: Kopftuch oder kein Kopftuch – nicht so wichtig. Wichtiger: Entdecken deine innere Hijabi!