Sonntagswort: Mögen Sie Spiegel

veröffentlicht 25.01.2026, Evangelisches Dekanat Wetterau

Pfarrerin Irina Vöge, Evangelische Auferstehungsgemeinde Bad Vilbel, schreibt einen Impuls zum Thema Selbstwert.

Manchmal wünschte ich, es gäbe keine Spiegel, dann müsste man sich keine Gedanken machen, ob die Frisur sitzt, um müde Augenringe, den Speck um die Hüften oder was es glattzustreichen, zu kaschieren, weg zu schminken, weg zu trainieren oder sogar hinzuzuoperieren gibt. Viele schauen sehr kritisch in den Spiegel und fixieren die scheinbar unperfekten Partien, während der Rest kaum wahrgenommen wird.

Die Bibel erzählt von einem Mann an einem See, von dem es heißt, dass der erste geheilt wird, der hineinsteigt, wenn das Wasser sich bewegt. So sitzt er dort fast 40 Jahre, sein eigenes Spiegelbild und das, was er als Schwachstelle empfindet, immer vor Augen. Immer hört er die Stimmen der anderen: „Du bist sowieso nicht schnell genug. Versuch es gar nicht erst.“  Irgendwann wird es zu seiner Wahrheit, bis er sicher ist zu scheitern und keinen Versuch mehr unternimmt. Bis die Stimmen Macht über ihn haben.

Diese Stimmen gibt es auch bei uns. Sie lassen uns wissen, was andere in uns sehen. Und wir legen Wert darauf, glauben dem, was andere in uns sehen. Bis auch wir selbst nur noch das sehen, was nicht ist, wie wir es wollen. 

Mitten in alles Bewerten und Kaschieren fragt plötzlich einer, fragt Jesus: „Was willst du? Warum bist du hier?“ Jesus ist nicht noch jemand, der dir sagt, wer und wie du sein sollst. Er meint: Du bist von Gott gemacht und nicht abhängig davon, was Menschen in dir sehen. Finde heraus, wofür diese Welt dich braucht. Fordernde Worte, die aber Mut machen und Perspektiven öffnen. Ich glaube, wir brauchen das. Für uns, aber auch und für den Blick auf andere. Fragen wir, was sie wollen? Suchen wir ihre Stärken? Es verändert den Blick, wenn wir fragen: Was hat Gott in dir angelegt und wofür braucht dich diese Welt? 

Der Apostel Paulus nutzt auch das Bild des Spiegels: „Jetzt sehen wir nur ein rätselhaftes Spiegelbild. Ich erkenne nur Bruchstücke. Aber dann werde ich vollständig erkennen, so wie Gott mich schon jetzt vollständig kennt.“ (1. Korinther 13,12)