Wir sind mitten in der Fasten- bzw. Passionszeit. In diesen Wochen bedenken wir in unseren Kirchen in besonderer Weise den Leidensweg von Jesus. Der Anblick seines Kreuzes kann uns dabei an unsere eigenen Erfahrungen von Leid, Verletzlichkeit und Sterblichkeit erinnern.
Meistens versuchen wir solche Gedanken zu verdrängen. Und wenn wir davon erzählen, bekommen wir mitunter Appelle wie diese zu hören: Lass das ruhen, denk‘ nicht mehr daran! Du musst jetzt nach vorne schauen und positiv denken! Als könnte man den Schalter so einfach umlegen, und als wären leidvolle Erfahrungen nichts wert und als Teil unseres Lebens nicht auch zu würdigen.
Neulich fiel mir dazu ein Text des großen holländischen spirituellen Lehrers Henri Nouwen in die Hände. Er schreibt: „Wir sind alle Verwundete, ob körperlich, emotional, mental oder spirituell. Die wichtigste Frage ist nicht, wie wir unsere Wunden verstecken können, um uns nicht schämen zu müssen, sondern wie wir unser Verwundetsein in den Dienst anderer stellen können. Wenn unsere Wunden aufhören, eine Quelle der Scham zu sein, und zu einer Quelle der Heilung werden, sind wir zu verwundeten Heilern geworden.“
Was für ein eindrücklicher Gedanke: Unsere Erfahrungen des Verwundetseins in den Dienst anderer stellen! Denn das brauchen wir doch, wenn wir selbst Leid erfahren: dass andere da sind, die sich in uns einfühlen können und uns begleiten. Und dies vielleicht gerade deshalb tun können, weil sie Ähnliches durchlitten und hinter sich haben. Uns gegenseitig zu „verwundeten Heilern und Heilerinnen“ zu werden – wie wunderbar, wenn uns das gelänge! In diesem Sinn wünsche ich uns allen eine gesegnete Passionszeit!